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Matchakeramik - etwas Raku (Cynara Akemi Mori) und etwas Shigaraki (Furutani Kazuya).


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Hallo zusammen,

nachdem ich vor einiger Zeit einmal daruf hingewiesen hatte, dass ich bei Matcha-Schalen offenbar weiße und schwarze Keramik bevorzuge, da alle meine Schalen eher Glasuren in diesen Farben zugeordnet werden können (ich liebe den Kontrast zum strahlenden Grün des Tees einfach), hatte ich gelobt, etwas mehr Farbe auf den Tisch zu bringen (außerdem bot mir das ja endlich die Möglichkeit, über den normalen Bedarf - und wer kann aus mehr als einer Schale gleichzeitig trinken? - weitere Keramik zu kaufen, die ich zwar überhaupt nicht brauche, aber mag). Zudem bin ich ja als bekennender Grobmotoriker ein Freund großer und klobiger Dinge, die nicht zerbrechen, wenn ich sie berühre. Daher zeige ich Euch heute mal zwei Keramiken, die mich beim Matcha-Genuß erfreuen.

Vorab: Ich bin nicht gut mit der Handykamera, die Stücke sind "in Wirklichkeit" viel schöner.

(Und: Ich denke, dass sicher wieder ganz viele diese Stücke als kitschig oder häßlich oder in jedem Fall furchtbar finden. Seid entspannt: Niemals müsst Ihr sie kaufen oder daraus trinken. Sie gehören mir - und mir gefallen sie. Und jeder kennt auch Raku- oder Shigaraki-Keramik, die auch viel toller aussieht als meine, ich weiß. Denn auch mir geht es so.)

Die Raku-Keramik einer japanischen Künstlerin ist der kleine Jizo im Reise-Shintoschrein aus Holz auf dem ersten Bild. Ich liebe Raku, sie hat so etwas Archaisches. Ein Jizo ist - neben anderen religiösen Funktionen - offenbar auch ein Schutzpatron der Reisenden. Der Jizo hat so eine Farbe wie Knochen und wirkt ein bißchen so wie altes Elfenbein. Der kleine Reiseschrein hat Seidentapeten. Beides kann ich genauso leicht mitnehmen wie die kleine Matcha-Schale mit dem türkisen Rand, die farblich ganz toll dazu passt. Sie habe ich vom TKK und sie kann als große Teeschale oder kleine Matcha-Schale vielseitig genutzt werden. So habe ich, egal wo ich bin, etwas "Japan" als ästhetisches Konzept immer dabei. Bei sehr langen Zugfahrten zwischen Wien und Berlin habe ich also immer etwas, was ich anschauen kann, wenn es mal draußen dunkel ist.

Ein paar Worte und Bilder mehr muss ich über die Shigaraki Chawan verlieren, denn diese Schale habe ich selbst sehr oft übersehen, weil ich sie zunächst nicht ansprechend fand. "Lautere" Glasurfarben und spektakulärere Formen hatten mich immer abgelenkt. Aber ich suchte eine "Winterschale" (kann man das so bezeichnen?), die an der Basis breiter ist als an der Öffnung, dickwandig und zudem leicht "zusammengedrückt".

Bei der Shigaraki-Keramik mag ich die erdigen Töne des unklasierten Tons, die "wilde" Glasur mit Krakelee innen und außen, die oft an der Basis zu findenden gläsernen Tropfen sowie die Risse und Unebenheiten (auch durch die Pegmatiteinschlüsse, wenn ich mir das richtig gemerkt habe), die durch den Brennvorgang hervortreten.

An dieser Schale hat mir dann besonders gefallen, dass sie von jeder Seite (und von oben und unten) immer wieder einen anderen Anblick bietet. Man kann wählen, was man sich gerade anschauen möchte, fast so, als habe man verschiedene Schalen. In der Hand fühlt sich die Schale toll an. Durch die bauchige Form ist sie ergonomisch super zu fassen und mit beiden Händen gehalten, wärmt sie diese von unten.

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Bearbeitet von Onggi
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@KlausO Danke für die Nachfrage!

Es gibt nicht nur einen, sondern sogar zwei "Risse", einen innen und einen außen, die jedoch niemals die Schalenwand durchdringen und durch die Glasur selbst versiegelt sind. Sie sind auch an unterschiedlichen Stellen. Es sind also eher Kratzer. Durch die Glasur, die sie anfüllt und versigelt, wirken sie optisch tiefer, eben wie Risse. Die dunkle Farbe der Glasur verschattet sie etwas. Die Wandstärke der Schale beträgt am oberen Rand ca. 5mm, die Tiefe der Risse ist bei max 0,5mm. Die horizontale Kerbe, die außen um die Schale herumläuft, ist übrigens tiefer, bei ca. 0,5-1mm. Aber da ist die Wand auch deutlich dicker.

Sie sind auch an unterschiedlichen Stellen, um drei Stunden getrennt (würde man die Position des äußeren Risses mit 6 Uhr bezeichnen, wäre der andere also um 9 Uhr innen). Bei dem äußeren "Riss" gibt es keinen Niveauunterschied zur umgebenden Glasur (außer ganz oben am Rand), das ist alles glatt unter einer durchgehenden Glasur. Bei dem inneren Riss spürt man eine kleine Rille, die aber eben mit Glasur gefüllt ist.

Auf dem 3. Bild sieht man den äußeren Riss. Der innere verliefe, würde er durchgend die Schalenwand teilen, genau durch den großen, weißen Feldspatknubbel weiter links. Da ist von außen natürlich nichts zu sehen. 

Eine Dichtigkeitsprüfung mit randvoller Schale über 24h war eigentlich überflüssig, habe ich trotzdem gemacht. Und natürlich: Nirgendwo tritt Wasser aus.

Mir gefallen die Risse sehr. Ich dachte auch erst, es handele sich nur um einen einzigen, der die Schalenwand durchdringt. Das war der eigentliche Anlaß für den Kauf, denn ich dachte, dass ich da etwas mit Kintsugi nachbessern lassen könnte, falls die Schale dort einmal brechen würde. Mir gefällt das sehr. Das kenne ich noch von meinen Bonsaischalen.

(Aber nun ist es überflüssig. Ich denke aber, ich werde sicherlich bald mal wieder irgendeine Teekeramik durch Unachtsamkeit beschädigen und lasse sie dann entsprechend reparieren. Das ist alles nur eine Frage der Zeit.)

Bearbeitet von Onggi
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gefallen mir sehr schön, die Stücke wie auch deine Vorstellung und Einlassung dazu, danke dafür. über den Riss der Tasse "stolpert" man halt beim Betrachten, er gehört jedoch auch zur Wabisabi-Ästhetik: es ist halt wie es ist. schön, dass der Künstler die Tasse deswegen auch nicht aussortiert hat.

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Danke, @goza, das sehe ich ganz genauso.

Irgendwie finde ich, dass sowohl Raku als auch Shigaraki durch die Art der Herstellung ohnehin per se Keramiken ermöglichen, die der Wabisabi-Ästhetik entsprechen. Die Brennvorgänge sind einfach uweitgehend nkontrollierbar und bieten ein Spektrum von Unvollkommenheiten, die umgekehrt eher die Frage aufwerfen, was gerade noch so geht im Sinne einer an das Wabisabi gewöhnten Ästhetik. Viele Stücke, die ich im Netz sehe, sind in meinen Augen völlig verformt und jenseits aller Funktionalität glasiert. Das ist die Linie zwischen der eigenwilligen Handschrift eines Künstlers und dem Unvermögen eines Amateurs m.E. manchmal nicht klar zu ziehen.

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Glückwunsch zu den tollen Funden und viel Freude damit! ;)

vor 15 Stunden schrieb Onggi:

Irgendwie finde ich, dass sowohl Raku als auch Shigaraki durch die Art der Herstellung ohnehin per se Keramiken ermöglichen, die der Wabisabi-Ästhetik entsprechen.

Wohl eine akademische Diskussion, aber bei diesem Begriff stellt sich bei mir zwangsläufig die Frage, inwiefern Wabi-Sabi bewusst/originär geschaffen werden kann. Selbstverständlich sind Brandvorgänge oder die konkreten Resultate bei gewissen Techniken nur begrenzt plan- und voraussehbar. Aber nicht nur die Form sondern zu einem guten Teil auch das weitere Resultat ist m.E. für einen guten Künstler schon weitgehend steuerbar. Daher sehe ich in dem von dir beschriebenen eher den Begriffsteil "Wabi" (wobei dieser Zustand meinem Verständnis nach grundsätzlich auch bewusst geschaffen werden kann). "Sabi" hingegen ist m.E. immer der Zeitfaktor inhärent, entsteht also erst durch die Nutzung und Historie eines Stückes. Der Gesamtbegriff lässt sich aber bekanntlich schwer übersetzen. 
 

vor 15 Stunden schrieb Onggi:

Viele Stücke, die ich im Netz sehe, sind in meinen Augen völlig verformt und jenseits aller Funktionalität glasiert.

Wobei auch dies wiederum seinen eigenen Reiz haben kann. Ich poste vielleicht die Tage etwas aus dieser Kategorie.. ;) 

Bearbeitet von theroots
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Danke, @theroots, für deine Ausführungrn. Ich mag diese akademischen Diskussionen!

Nur als sprachlicher Hinweis: "Entsprechen" meint ja gerade nicht "bewusst schaffen". Ich denke, dass es immer die subjektive Komponente ist, die eine Bewertung erst ermöglicht. Das an Wabi-Sabi geschulte Auge kann in der Bandbreite dieser Keramik sicher etwas Schönes und Unvollkommenes, ein als Idee anziehendes Moment, erkennen. Ich habe mir meine Schale ja auch ganz sicher "schöngeredet", obwohl sie jemandem, der neuwertiges Kantinengeschirr schätzt, eher zweifeln lassen könnte.

Kein Zweifel, dass die "verformten" ihren eigenen Reiz haben - und sich als Sammlerstücke eignen. Ich versuche mich vor der Sucht zu bewahren, auch diese Stücke kaufen zu wollen.

Ich glaube, dass bei Wabi-Sabi alles im Auge des Menschen liegt, der es betrachtet. Frei nach Wittgenstein: Bedeutung entsteht durch Gebrauch.

Ich hatte mich in meiner Bonsai-Vergangenheit sehr intensiv mit Suiseki, vor allem chinesischen - also Gongshi -, beschäftigt und habe auch noch schöne Exemplare (und habe dazu auch mal wissenschaftlich publiziert). Sollte es hier gewünscht sein, kann ich gerne etwas schreiben. Es ist ja eine Kunst ohne Künstler, die nur durch das Nachdenken des Betrachters entsteht. Sie basiert in Japan auf dem gleichen Austeritärsprinzip wie auch die Teezeremonie und ist seit dieser Zeit oft sehr populär gewesen. Auch da gibt es, wie beim Bonsai und beim Tee, mittlerweile einen europäischen und auch einen amerikanischen Weg.

Wahrscheinlich werden von der Software die Beiträge ja zusammengelegt: Daher hier nur als Illustration ein Foto eines meiner Suiseki.

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Bearbeitet von Onggi
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vor 11 Stunden schrieb Onggi:

Nur als sprachlicher Hinweis: "Entsprechen" meint ja gerade nicht "bewusst schaffen".

"Entsprechen" hätte ich germanistisch eher als "vergleichend" verortet, d.h. einer Sache gleichkommend, aber nicht mit dieser austauschbar. Insofern war deine Wortwahl vielleicht ganz passend. ;) 

Wie erwähnt, bin ich grundsätzlich der Ansicht, dass bewusstes Erschaffen Wabi Sabi nicht entgegen steht, obwohl es hierzu durchaus abweichende Stimmen geben dürfte. Falls jemand dieses Thema interessieren sollte, gibt es etwa eine interessante Abhandlung zum ähnlich gelagerten Thema der "Kunstfertigkeit" des Handwerks in Günter Figals "Gefässe als Kunst - Erfahrungen mit japanischer Keramik". Bin damit noch nicht durch, aber die ersten Seiten waren bisher durchaus lesenswert. 

Bei neuen Objekten fehlt es m.E. aber stehts am Sabi: "Sabi refers to the beauty or serenity that comes with age, when the life of the object and its impermanence are evidenced in its patina and wear, or in any visible repairs" (der späten Stunde geschuldet direkt ab Wikipedia). Das Unbewusste steckt eher In dieser Komponente (die Nutzung/Alterung des Objekts erfolgt in der Regel ja nicht im Hinblick auf die Schaffung von Wabi Sabi).  

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