Joaquin

Welcher Tee ist heute in eurer Tasse? Teil 3

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Bei mir gab es heute einen ganz verrückten Tee.

Einen "weißen" Bvumbwe Peony vom Satemwa Tea Estate in Malawi. Bezogen via What-Cha und geerntet im März 2018.

Die Nase in das frisch geöffnete Doypack versenkt und gleich erstmal wieder rausgezogen. Uff... Kampfer, würzig, Waldboden, fast schon modrig. Dabei aber sommerlich, wie ein warmer, gerade getrockneter Waldboden im Spätsommer. Mit solchen Noten rechne ich bei einem Pu-Erh, aber nicht bei einem Weißtee aus dem vergangenen Jahr. Man sieht den Blättern wohlgemerkt die fortgeschrittene Oxidation sofort an. Kein Wunder, dass die nach anderthalb Jahren so aussehen, wenn man sie nicht rollt. Dieser Schritt wurde nämlich einfach mal ausgelassen, warum auch nicht? Ich gönne dem Teeproduzenten seine - ich nenn' es mal künstlerische Freiheit. Jegliche Überlegungen bezüglich Packmaß, Transportierbarkeit, usw. wurden scheinbar für vollkommen irrelevant erachtet. Mein 25g Päckchen ist größer als jedes 50g Päckchen in meinem Sammelsurium. Hübsch sind sie, die Blätter, und wirklich außerordentlich groß. Gut, dass die Shiboridashi so breit ist.

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Nochmal ins Doypack geschnüffelt. Vielleicht haben die sich bei Satemwa auch einen Spaß erlaubt und ein paar Lorbeerblätter dazu gemischt. Mich würde es nicht wundern. Dieser Tee ist schon jetzt irgendwie amüsant. Als wolle er mich trollen und mir mit seiner lauten, auffälligen Art unter die Nase reiben, dass ich mit meinem lachhaft seichten Vorwissen über Tee und seine angeblichen Kategorien heute nicht weit kommen werde. Ich find's cool und fühle mich herausgefordert. Wollen wir doch mal sehen...

 

Echt? Wollen wir das? Nach dem Riechen an den aufgebrühten Blättern bin ich mir darüber erstmal nicht so sicher. Das riecht nach... Moschus! Moschus?! Ja, Moschus, aber die volle Breitseite. Ich schaue skeptisch auf den Aufguss und frage mich, was ich da für ein teuflisches Kraut erworben habe. Dann rieche ich nochmal und muss an einen Raubtierkäfig denken. Dann an einen hormonschwangeren Kampf zwischen zwei streunenden Rüden, den ich einmal beobachtet habe. Die haben ähnlich gerochen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das einmal sagen, oder auch nur denken würde, aber: Dieser Tee riecht verdammt nochmal nach animalischem Sex im Wortsinne. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich das trinken will.

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Nachdem die Neugierde erwartungsgemäß ihren verdienten Sieg errungen hat, nehme ich einen Schluck und bin beruhigt, dass mich hier wieder vorrangig Noten von Waldboden und Gewürzen erwarten. Nun sogar gepaart mit einer gewissen Fruchtigkeit: Birne, ein wenig Brombeere. Das Ganze ist von einer sehr milden, weichen Textur, beinahe unschuldig an dieser Front. Der Moschus ist aber hintergründig immer noch vorhanden, als würde ich gerade einen entspannten Waldspaziergang machen, aber irgendwo hinter den Bäumen rennt ein wütendes Wildschwein in meine Richtung. Ich erinnere mich an Ausflüge im frühen Kindesalter, mit meiner Mutter zum Wildgehege auf dem Bonner Venusberg (sic!).

 

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Etwas später in der Session - gerade hat sich meine Perplexität etwas gelegt und ich stelle belustigt fest, dass ich einige Aufgüsse lang vor diesem Tee saß wie der sprichwörtliche Moschusochs vorm Berg. Da beginnt mein Herz merklich zu pochen und ich realisiere, dass ich schwitze. Was ist das für ein Zeug? Kurz verspüre ich Panik, ich könnte mich in ein malawisches Gnu verwandeln. Tell me about Qi, hier haben wir es mit stärkeren Mächten zu tun. Das hier ist Voodoo-Zauber. Dann ermahne ich mich, dass ich doch schon mehrfach gelesen habe, afrikanische Tees hätten aufgrund der starken Sonneneinstrahlung häufig besonders viel Koffein. 5g Tee habe ich in der Shibo. 5g. Die nüchterne Maßeinheit beruhigt mich irgendwie. Ich lasse die Session ausklingen, der Spuk ist vorbei.

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Spaßig war's!

 

Disclaimer: Die Kultur des südostafrikanischen Staats Malawi hat meines Wissens nach mit Voodoo rein gar nichts am Hut. Die Religion stammt - wie eine schnelle Suche bei Wikipedia bestätigt - aus Westafrika und hat über die Sklavenschiffe ihren Weg in die Karibik gefunden. Der amerikanische Autor James Ellroy hat in seinem Roman Blood's a Rover eimal sehr schön von den "Voodoo"-Erfahrungen seines völlig zugedröhnten Protagonisten auf Haiti berichtet. Diese Episode schwebte mir im Kopf, als ich die obigen Zeilen schrieb, ich will natürlich niemandem bei Satemwa Verbindungen zu Voodoo-Kulten unterstellen.

Zweiter Disclaimer: Ich war wohlgemerkt, anders als der Protagonist in Blood's a Rover, in keinster Weise zugedröhnt. Der Tee riecht wirklich nach Moschus!

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Also wenn man bei dem Tee an Wayne Tedrow Jr. in Haiti denken muss, dann alle Achtung. :D Für diesen außerordentlichen Verweis hätte ich gerne mehr dagelassen als ein like. 

bearbeitet von seika

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vor 11 Stunden schrieb Shibo:

Die Nase in das frisch geöffnete Doypack versenkt und gleich erstmal wieder rausgezogen.

:lol: Sehr schön ... du solltest mal einen prächtigen HK Schimmelbrudersheng verkosten.

vor 11 Stunden schrieb Shibo:

Kurz verspüre ich Panik, ich könnte mich in ein malawisches Gnu verwandeln.

Das ist mal ein interessanter Verkostungsbericht.

vor 11 Stunden schrieb Shibo:

5g Tee habe ich in der Shibo. 5g. Die nüchterne Maßeinheit beruhigt mich irgendwie.

Sehr gut, mit 5g bist du auf der sicheren Seite. :lol:

 

@topic: Ich trinke gerade einen 06er Yiwu unreinen Gushu (Blend mit Huangshan oder so) vom Wistaria Teehaus in Taiwan, solche Eskapaden wie bei Shibo sind mir schon lange nicht mehr untergekommen ... ich bin eher bedächtig und lausche dem Tee. Er hat den Hauch einer zitrus-säuerlichen Note ... fast wie ein Eistee für Gourmets ... aber hey, es ist ein Sheng ... was wird einem Sheng nicht alles verziehen?

bearbeitet von GoldenTurtle

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vor 18 Stunden schrieb seika:

Also wenn man bei dem Tee an Wayne Tedrow Jr. in Haiti denken muss, dann alle Achtung. :D Für diesen außerordentlichen Verweis hätte ich gerne mehr dagelassen als ein like. 

Das besonders Schöne an solchen literarischen Verweisen ist ja, dass sich bei den "eingeweihten" Personen damit sehr starke Bilder evozieren lassen. Gerade weil jeder beim Lesen sein eigenes Bild konstruiert, das fortan mit der Episode verbunden ist. Wenn solche Bilder dann in einem anderen Kontext reaktiviert werden, können schöne, absurde (wie vermutlich in diesem Fall :D), sehnsüchtige, oder anderweitig spannende Momente aufblitzen.

Cool, dass hier doch Einige das Buch zu kennen scheinen. James Ellroy und gerade diese Reihe ist ja vielen Leuten durchaus ein Begriff. Ich finde die Bücher aber schon recht speziell und hatte daher nicht unbedingt damit gerechnet, dass jemand auf einen Verweis aus dem dritten Teil der Trilogie anspringt. Umso mehr freut es mich.

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@Anima_Templi freut mich, dass dir die Schale auch so gut gefällt. Sie ist, so wie alles aus meiner Gyokuro Schalensammlung, eigentlich für Sake gedacht.
Dieses Exemplar erfreut mich speziell, da dieser goldbraune Rand rau ist, was auf den Lippen einen netten haptischen Eindruck hinterlässt. 

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Heute mal wieder ein junger Sheng im Kännchen: Der 2019 Tea Encounter Gua Feng Zhai.

Der Tee startet sehr mild mit einer leicht moosigen Süße und relativ leicht. Sobald die Blätter aber geöffnet sind, zeigen sich weitere Facetten wie eine angenehme Bitterkeit und tiefe Waldnoten und auch wenn der Tee mit zunehmenden Aufgüssen etwas schwerer wird, bleibt er im Vergleich zu anderen Guafengzhais immer relativ leicht und freundlich (ohne dabei jedoch langweilig zu werden), was sicherlich auf darauf zurückzuführen ist, dass der Tee aus Xiaoshu-Material besteht. Das wiederum macht ihn aber für einen Guafengzhai unschlagbar günstig und durch seine Freundlichkeit auch für Einsteiger interessant - für den Preis auf jeden Fall ein schöner Tee! Und für ein Xiaoshu-Sheng ungewöhnlich: es ist sogar ein Qi bemerkbar - nicht sonderlich stark aber dafür angenehm entspannend.

Zusatzinformation: Dieses Jahr hat Tiago zum ersten mal selbst Tees gepresst und war so freundlich, mir Samples davon zukommen zu lassen. Alles eher preisbewusste Tees von jungen Bäumen (Xiaoshu) sowie ein Yesheng von älteren Bäumen und somit eine durchaus interessante Nische, da preiswerte Tees rar gesät sind, die gleichzeitig auch etwas taugen!

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Ein kurzer Nachtrag zum malawischen Weißtee:

So sieht die selbe Blattmenge von 5g im 110ml Jianshui Kännchen aus

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Das Kännchen scheint dem Tee gut zu tun. Die strengen Aromen werden etwas abgefangen und der Körper wird doch merklich betont. Im Geschmack wirkt der Tee süßer.

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Allerdings habe ich bei meinen Versuchen mit der Jianshui bisher noch eine leicht metallische Note und eine gewisse Kratzigkeit im Abgang verspürt. Ersteres finde ich noch nicht einmal negativ, sondern je nach Tee sogar passend (zum Beispiel in diesem Fall). Zweiteres empfinde ich als etwas störend. Ich vermute, dass ich das Kännchen noch eintrinken muss. Ich habe es jetzt erst zum vierten Mal benutzt und hatte es zu Beginn nicht geseasoned, sondern nur mit Wasser ausgekocht.

Es bereitet mir nichtsdestotrotz viel Freude, das Handling und Ausgießverhalten ist wirklich großartig. Bei so einem großblättrigen Tee ist die Kanne in nullkommanix leer und sie gießt super sauber ab. Völlig unkompliziert.

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Heute ist mal wieder ein alter Bekannter (in zweierlei Hinsicht) im Kännchen, der auf Grund der Seltenheit nicht so oft zu Besuch ist: Der 1980er Song Ping.

In dem winzigen Zini-Kännchen von Chen Ju Fang kann man ohne schlechtes Gewissen auch einen so seltenen Tee sehr kräftig dosieren, da man dank der Größe nur relativ wenig Gramm benötigt. Gerade bei diesem Tee, der ohnehin schon schön schwer ist hat das Zini-Kännchen einen sehr positiven Effekt, da der Körper noch verstärkt wird und so eine super weiche, ölig-schwere Textur hat, wobei das antike Schälchen aus der Ming-Dynastie die Weichheit ebenfalls begünstigt (denn Glasur ist nicht gleich Glasur - wer z.B. schon mal aus einem der Hakeme-Schälchen von Jiri Duchek getrunken hat, von denen @Anima_Templi kürzlich welche abgelichtet hat, weiß wovon ich spreche!). Süße, holzige Noten ergeben zusammen mit Alterungsnoten, die an warme, frische Erde nach einem Schauer erinnern einen wunderbaren, gut gealterten Sheng - bei dem mir das exakte Produktionsdatum ziemlich egal ist, auch wenn 80er im Vergleich mit anderen Tees aus diesem Zeitraum (in dem Aged Sample Set von prSK gibt es da z.B. welche aus verlässlicher Quelle, für die ich aber erst noch Einträge in meine Teeliste machen muss) durchaus passend erscheint.

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Das Neifei hab ich inzwischen mal (größtenteils) freigelegt - das hat im Gegensatz zu vielen modernen Produktionen wenigstens noch Stil!

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Und noch ein Nachtrag zu dem Schälchen: Auch wenn ich sonst kein sonderlicher Fan von bemalten Teeschalen bin, hat es mir dieses doch angetan. Zum einen durch Unförmigkeiten, grobe Verarbeitung und Macken und zum anderen durch die subtilen Feinheiten der Glasur: Im trockenen Zustand kaum zu sehen werden, sobald Tee im Schälchen ist, eine Vielzahl von winzigen Bläschen, Rissen und Einschlüsse sichtbar, die zwischen Teeschale und Flüssigkeit zu schweben scheinen und je nach Lichteinfall verschieden glitzern. Ob das wohl schon vor 300 Jahren der Fall war oder erst im Laufe der Zeit entstanden ist? Auf jeden Fall faszinierend! :)

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@doumer Das ist ein besonders schönes Setup! Kännchen, Schale, Teeboot und sogar das Neifei sehen sehr harmonisch zusammen aus. Der Tee klingt herrlich, wohl ein echter Sonntagsbraten äh ...fladen :)

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Nachdem am Mittag überraschenderweise doch noch die Sonne herauskam hab ich mich dazu entschieden, die restlichen Aufgüsse der Session von heute Morgen für den Abend aufzusparen und dafür mal wieder etwas ganz anderes zu trinken: Den Gyokuro Fujitsubo von Tsuen Tea.

Einer von lediglich 2 Tees, die ich von meinem kürzlichen Aufenthalt in Japan mitgebracht habe - auf Grund der Sprachbarriere (es is im Vergleich zu andren Ländern erschreckend, wie wenig Englisch gesprochen wird!) und der Tatsache, dass Tee tatsächlich nur ein Rand-Thema war. Dieser Gyokuro stammt vom Tsuen Teahouse in Uji, einem der ältesten Teehäuser der Stadt - angeblich bereits in einem Roman von 1160 erwähnt, das aktuelle Gebäude stammt jedoch "erst" aus dem Jahr 1672. Ohne etwas außer "Gyokuro" zu verstehen war das ein Versuch auf gut Glück - und hat sich als Volltreffer erwiesen!
Der Tee startet mit intensivem Umami, Algen mit leicht salziger Note, super dichter Textur wie eine reichhaltige Brühe und im Abgang einer tollen Süße, der die in Verbindung mit der salzigen Meer-Note sehr spannend ist - keinerlei Bitterkeit oder Adstringenz. Ein klasse Gyokuro, der einen krassen Kontrast zu einem Sheng darstellt - leider kann ich aber bis auf den Jahrgang (2019) nicht viel Hardfacts zum Tee sagen...

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Zum Abschluss eines sehr anstrengenden Wochenendes, gibt es heute etwas, dass einen neu erdet, jedoch gleichzeitig frischen Wind unter die Flügel weht. 

2005 Yiwu Tongqing Jianzhuang Commemorative 

Sanft und unheimlich süss. Stark karamellig, fast sirupartig. Dennoch ein schöner Körper und ein sanft waberndes Qi, das einen entspannen und erholen lässt. Wunderbar! :)

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vor 10 Stunden schrieb doumer:

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Das Neifei hab ich inzwischen mal (größtenteils) freigelegt - das hat im Gegensatz zu vielen modernen Produktionen wenigstens noch Stil!

Da hast du ja noch einiges von diesem Tee :thumbup:
Bei mir bedeckt das Neifi gerade mal noch einen kümmerlichen Rest :ph34r:

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