OstHesse

Gongfu Cha vs. "Westliche Methode" vs. Europäische Teekultur(en)

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Liebe Grüße an alle Teekenner!

Dieses Thema brennt mir schon lange auf der Zunge, denn heute ist es besonders populär Gongfu Cha, die traditionell chinesische Teezubereitungsmethode und die sogenannte "westliche Methode" gegeneinander zu stellen und zu vergleichen, wobei wir fast immer die Aussage "Gongfu Cha ist 'besser!" zu hören bekommen. Unser @miig hat mal ein Thema gepostet wo er nach der Definition von Gongfu Cha fragte, nun, ich bevorzuge da eine rein technische Herangehensweise. Das Wort gongfu wird je nach Quelle und Translator mit "Anstrengung", "Mühe", "Fertigkeit" und "Kunst" übersetzt, wenn man aber einfach den Vorgang selbst anschaut sowie die dahinter stehenden Ziele, ist Gongfu Cha praktisch dasselbe was wir in Europa mit Wein, Whisky und Zigarren machen! Man kann all diese Sachen nur des Alkohols wegen einfach herunterstürzen und die Zigarren nur des Nikotins wegen verqualmen, die Kenner tun das jedoch nie - man verwendet spezielle Geschirr, Werkzeuge und Konsummethoden um den Genuss soweit zu maximieren wie es nur geht. In Zigarren-, Wein- und Whiskyclubs geht es primär um Genuss, Erkenntnis und das soziale Beiwerk, nicht stupides saufen und quarzen. Die Genussmittel sind der Star der Show, kein Kenner wird seinen besten Single Malt mit Eiswürfeln malträtieren oder die feinste Zigarre brutal im Aschebecher ausdrücken, exakt diesselbe Mentalität haben die Chinesen auch wenn die eine Gongfu Cha Session machen.

Wenn aber nun von "westlicher Methode" gesprochen wird, werden darunter fast immer moderne Teegewohnheiten der breiten Bevölkerung in Europa und Nordamerika gemeint, wobei auch fast immer  angenommen wird dass eben diese die "europäische Teekultur" darstellen. Diese Sicht halte ich für falsch!

Ich habe mich in letzter Zeit mit Geschichte des Tees in Europa auseinander gesetzt, schriftliche Quellen und Abbildungen aus dem 17 bis 19 Jh., aus der Zeit wo weder Indien noch Sri Lanka als Teeproduzenten eine Rolle spielten (hier, hier hier nur um Einige zu nennen), nur um Folgendes festzustellen. Bis ungefähr 1820 war der gesamte verfügbare Tee ausschließlich chinesischen Ursprungs und er war nicht nur "Tee" sondern Bohea, Hysson, Singlo, Souchong, Congou, Pekoe, etc., wobei das was wir heute "Schwarztee" nennen um die Mitte des 18 Jh. den größten Anteil am europäischen Teeimport erlangte. Bis dahin war Grüntee tatsächlich die am meisten konsumierte Teeart in Europa (quelle). Das Teegeschirr, wie die Abbbildungen und Beschreibungen vom Teetrinken zeigen, wurde ebenfalls teils aus China importiert teils nachgeahmt, Abbildungen von Teetrinkern zeigen wenig bis gar keine Lebensmittel auf dem Teetisch, der chinesische Einfluss hier ist kaum zu übersehen. Einfach zusammengefasst, die europäische Teewelt des 18 Jh., wo britische, ostfriesische und russische Teekulturen in ihren Grundzügen gebildet wurden, war eine nahezu komplett andere Welt, die viel näher an China war an unsere heutgen westlichen Teegewohnheiten!

Warum hat sich die europäische Teewelt so radikal verändert? Nun, zuerst haben die Teeplantagen in Assam den Teemarkt komplett umgekrempelt, bereits am Ende des 19 Jh. war indischer Schwarztee bereits so billig und so verbreitet, dass er andere Teesorten vom Markt nach und nach verdränge. Es war trotzdem noch klassischer Blattee welcher die klassische Zubereitung zuließ. Als aber in den 1930ern die CTC-Methode erfunden und perfektionert wurde, eroberte der nach CTC hergestellte Assam Schwarztee ab den 1950ern die gesamte Welt! Die Gründe dafür waren und sind; er extrahiert viel schneller, ist als Staub perfekt für Teebeutel, kann in rauhen Mengen produziert weren und ist schön billig. Die wohl tiefste Zäsur ist jedoch sein Geschmack und Aufgussverhalten, welche sich von den klassischen chinesischen Oolong, Heicha und Hongcha fundamental unterscheiden! So passierte es dass die alten Aufguss- und Konsummethoden nach und nach aufgegeben und vergessen wurden, denn die Teekannen, Samoware und Stövchen hatten einfach keine Funktion mehr. CTC Assam braucht keine hohe Dauerhitze im Gegensatz zu o.g. chinesischen Tees, er brüht nur einmal auf, man kann ihn einfach im Gefäß behalten ohne dass es zu bitter wird und sein rauher intensiver Geschmack lässt sich wunderbar mit Milch, Zucker und allerlei Gebäck und Kuchen ergänzen.

Man kann also sagen dass unsere moderne "westliche Teekultur" an sich ziemlich jung ist und fast komplett auf CTC Assam ausgerichtet ist. Sie lässt sich mit traditionellen europäischen Teekulturen kaum bis gar nicht vergleichen - anderer Tee mit komplett anderen Eigenschaften, andere Zubereitungsweise (Teebeutel, Teeeier, tea brewer, etc.) und eine völlig andere gesellschaftliche Stellung des Teetrinkens. CTC Assam wird heute von der Masse der Konsumenten als "der Tee" schlechthin verstanden und wird als Beiwerk zu Süßigkeiten, Gebäck und Kuchen gesehen und nicht als etwas Eigenständiges, deswegen kann man ihn mit chinesischen Tees nicht vergleichen. Er ist weder "besser" noch "schlechter" sondern ANDERS! CTC Assam tut das wofür er gezüchtet und hergestellt wurde, und das ist nun mal nicht die Gongfu Cha.

Was ich hier vermitteln will ist, die gegenwärtige Welle von Interesse am chinesischen Tee und chinesischer Teekultur hat bereits einmal vor mehr als 300 Jahren stattgefunden! Das Resultat dieser Begegnung war die Formation der britischen, ostfriesischen und russischen Teekulturen, China war das einzige Vorbild. Die moderne "westliche CTC Assam - basierte Methode" hat mit all diesen historischen und modernen Vorlagen nahezu nichts gemeinsam. Von daher ist das ganze Gongfu Cha VS Westliche Methode eigentlich sinnfrei, denn hier werden förmlich Äpfel mit Kartoffeln verglichen! Die moderne westliche Teekultur ist weder "traditionell" noch "europäisch".

Was ich übrigens faszinierend finde ist, je mehr man sich mit der chinesischen Teekultur beschäftigt, desto mehr entdeckt man über die eigene fast vergessene Teekultur, wie sie einmal bei den Briten, Russen und Deutschen herrschte.

Das was wir als Teefans heute tun, dürfe vor 200 bis 300 Jahren durchaus zur Normalität gehört zu haben ;)

Lady_drinking_tea_-_Lavreince.jpg

Le_Th%C3%A9_-_Willem_van_Mieris_-_Mus%C3

Jan_Josef_Horemans_(II)_-_Tea_Time_-_18t

Grüße, OstHesse

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@nemo

Bild 1: Niclas Lafrensen, 2. Hälfte 18 Jh.

Bild 2: Willem van Mieris, spätes 17 Jh.

Bild 3: Jan Josef Horemans II, 2. Hälfte des 18 Jh.

Es sind auffällig viele niederländischen Maler die Bilder über Tee hinterließen. Dies könnte damit zu tun haben dass die Niederländer praktisch für die ersten 100 Jahre die eifrigsten Teeimporteure waren, noch vor den Briten.

Egbert van Heemskerck I. oder II., Niederlande, 17./18. Jh.:

Marktfrauen_trinken_Tee.jpg

A.R. de Gasc, 1761, Ekaterinburg

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ce/Female_portrait_by_A.R._de_Gasc_(1761%2C_Ekaterinburg)_anagoria.jpg

bearbeitet von OstHesse

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Um mit dem Thema Gongfu Cha weiter zu machen... Fast alle europäischen Teebilder aus dem 17-18 Jh. haben ziemlich diesselben Utensilien auf dem Tisch!

  • Teekanne (Silber und Porzellan sicher identifizierbar, braunfarbige Teekannen könnten aus Ton oder Kupfer sein)
  • Behälter zur Aufbewahrung von Tee
  • große Schale, vermutlich zum Ausgießen der Teereste oder fürs überschüssige Wasser
  • Kandiszucker mit Zange
  • Teeschalen mit Untertasse (Beispiel)
  • Milchkanne (ich kenne aber kein Bild welches zeigt was eigentlich drin ist)

Es ist also grundsätzlich alles da was wir für eine Chaozhou Gongfu Cha - Session brauchen, Kanne, Teetablett (tellerartige "Teeboote" sind heute noch verbreitet), wenn wir einfach Milch und Kandiszucker wegtun, das dazugehörige Geschirr aber behalten, haben wir einen Cha Hai und die Zange noch dazu ;) Und ja, die Niederländer mit ihren Tee- und Teegeschirrexporten haben die Ostfriesische Teekultur entscheidend geprägt, deswegen ist alles oben Aufgezählte auch 1 zu 1 Bestandteil des ostfresischen Teetrinkens (außer der großen Schale, die ist heute weg, warum auch immer).

Ich behaupte mal frech, schon mal aufgrund der verfügbaren Quellen, dass das ostfriesische Teetrinken ein echtes Relikt aus dem 18 Jh. zu sein scheint, so macht es auch Sinn warum diese Teekultur zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt wurde. Eine Parallele wäre z.B. Chadō, welche vor fast 1000 Jahren von den Chinesen übernommen, bewahrt und weiterentwickelt wurde, in China selbst aber schon lange vergessen. Früher hat vielleicht ganz Europa so getrunken, wie oben beschrieben, heute tun's nur die Ostfriesen. Wenn wir aber weiter und weiter in die Vergangenheit blicken, wie Niederlanden des 17 Jh., das Quasi-Ursprungsland der europäischen Teekultur als Ganzes, sehen wir die chinesischen Einflüsse umso deutlicher.

Was aber die moderne "westliche" Teekultur angeht, HIER ist eine Quelle aus der Übergangszeit zwischen "traditionell" und "modern".

Ich möchte nochmal betonen, ob modern oder traditionell, nichts davon ist objektiv "besser".

Es kommt nur auf die Ziele und den Zweck an!

Grüße, OstHesse

bearbeitet von OstHesse

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Auf dieser Stelle ist es noch vielleicht interessant ein paar zusätzliche Informationen zu bringen. 

 

Ich habe große Probleme mit der Gegenüberstellung von "westlicher Methode" und "Gongfu Cha". Wie definiert man diese Methoden? Das hängt von den üblichen Gebrauch. Un dhier kommen wir zum ersten Problem: wenn man es nur aus einen technischen Aspekt sieht, ist die "westliche Methode" eigentlich nur viel Wasser auf weniger Tee und nur einmal (oder zwei mal) aufgegossen. Man kann nochmal die Idee mit den Zusatz von Milch und Heutzutage noch irgendwelche aromatischen Zusatz. 

Gongfu Cha hingegen wird als "traditionelle" Methode Chinas dargestellt. Eine Methode die auf sehr viele Aufgüsse mit kurzen Ziehzeiten und kleinen Gefäßen basiert. 

 

Es gibt aber sehr viele Probleme mit dieser Darstellung der Sachen. Man merkt schon an den Bildern von nachmachenden Europäern die du verlinkt hast, die Gefäße sind ja gar nicht so klein. Dafür gibt es auch einen Grund. Die Gefäße in der Ming-Dynastie waren eigentlich enorm. Und daraus ergab sich auch der dementsprechende Teekonsum. Man muss nicht vergessen, dass bis zu Qing-Dnastie und der Erfindung von Oolongs im Wuyi-Gebirge, die chinesische Schikeria würde hauptsächlich nur grünen Tee trinken. Ein paar Schriften aus der Zeit helfen uns da ein bisschen weiter. Meistens erfolgte die Teezubereitung so: Tee rein, Wasser rein, Wasser sofort raus in das Geschirr, alles wider rein, ziehen lassen für eine gewisse Zeit, servieren. Es wurde empfohlen einen zweiten Aufguss zu machen aber es wurde vor dem dritten gewarnt, er wäre schwach. 

Die Größe der Kannen verkleinerte sich auch zum Teil von den enormen Gefäßen aber wir sprechen in der Qing-Dynastie immer noch über 200ml Dinger die dann als klein gelten. Kann man gut an den Bildern sehen. Auch das trinken aus den neu erfundenen Gaiwan verbreitete sich in der Ming Dynastie um Hangzhou herum. Noch Heute ist das dort die "traditionelle" Methode für Longjing: Blätter ins Glas und nippen. 

 

Also der Mythos von der traditionellen Gongfu Cha Methode ist erstmal nicht wahr. Aber was ist denn mit den puren Teegenuss und der Einstellung? Damit tue ich mich auch schwer. Natürlich gab es in der Song-Dynastie und auch in der Ming-Dynastie absolut begeisterte Tee-Conaisseurs die die an die Sache wie Zigarren oder Wein in Europa angegangen worden sind. Das Problem damit ist, wir reden hier von einen kleinen Teil der Bevölkerung die sich so ein Hobby leisten konnte: Bürokraten, Künstler und die gebildete höhere Schicht die eh nichts anderes zu tun hatte als irgendwelche Entschuldigungen zu finden um ins Wuyi-Gebirge zu fahren um da sich mit Tee zu füllen und an irgendwelchen gelegentlichen Partys teilzunehmen.

Die breite Bevölkerungsschicht hatte aber ein bisschen andere Angewohnheiten. Man weißt darüber gut bescheid da die Gebildeten immer sehr herablassend über diese Praktiken geschrieben haben. Sehr populär war Tee mit Früchten drin. Oder parfümiert mit getrockneten Früchten oder Blumen. Und das alles wenn man schweigt über die weite Gegenden wie Tibet oder sogar Sichuan wo man dann schon fermentierten (hei cha?) Tee mit Butter und anderen Zeug vermischt hat. 

Aber jetzt kommt die ultimative Barbarei: in der Qing-Dynastie war Tee mit Milch weit verbreitet. Sogar der Kaiser Kangxi trank Tee mit Milch! Keine Angst, er trank auch hochwertigen Grüntee aber man muss nicht vergessen es handelte sich um eine brandneue Manchu-Dynastie die großflächig ihre Kultur eingeführt hat. Auch den barbarischen Tee mit Milch. Natürlich bei den gebildeten Han-Chinesen blieb purer Tee das beste aber trotzdem!

 

 

Was ist den Gongfu Cha? Eine nicht so alte Teochew Tradition die sich lokal verbreitet hat. Und dann in den 70er von Taiwan mit Senchado vermischt. Der Virus der traditionellen Rückbesinnung hat dann Irgendwie es geschafft, dass Gongfu Cha zu "traditioneller" chinesischer Methode geworden ist in den Augen von vielen. 

 

Quellen für meine Aussagen: 

Mair, Victor H. und Erling Hoh. 2012. The True History of Tea. London: Thames and Hudson Ltd.

Benn, James A.. 2015. Tea in China: A Religious and Cultural History. Honolulu: University of Hawaii Press.

und primäre zeitgenössische Quellen die dadrin zu finden sind. 

Hier die Quelle für Gongfu Cha: http://www.marshaln.com/2016/03/a-foreign-infusion/  in der der Artikel verlinkt wird. 

 

Zusätzlich empfehle ich ein paar Videos. Es gibt ein Kreis von Sinologen in Venedig die Tee sehr toll finden und jedes Jahr ein Kolloquium über Tee veranstalten. Dabei ist interessant, dass sie aus der Perspektive von Tee-Trinkern in die Thematik reingehen was für uns ja wirklich etwas bringt. 

 

Der gesamte Kanal sind hauptsächlich Videos aus den Kolloquien. 

Ich habe mich in meinen Text natürlich auf den losen Tee fokussiert, es gibt aber auch andere Methoden in der chinesischen Geschichte.

 

Es ist nun so: Gongfu ist nicht unbedingt traditionell chinesisch, und "westlich" ist auch nicht unbedingt tatsächlich westlich. 

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@Paul dieser Tumblr Post ist eigentlich genau das gleiche wie der Artikel von Marshaln den ich verlinkt habe. Der Post nutzt auch Marshaln als Quelle (Marshaln heißt eigentlich Lawrence Zhang). 

 

Aber danke, das macht es vielleicht ein bisschen einfacher zu verdauen als ein wissenschaftlicher Artikel :)

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Jetzt wirds aber richtig nerdy... :D

Wir haben hier bisher sechs Abbildungen gesehen (Mieris, Koets II., Verkolje, van Aken und zwei von Hayman ) die zwischen 1680ern und 1740ern zeitlich situiert sind und zwei Dinge zeigen; ziemlich kleine Trinkschalen und eine relativ kleine Teekanne von matter brauner Farbe und Design-features, die all jenen sehr bekannt vorkommen die sich mit der traditionellen Yixing-Keramik auseinandergesetzt haben. Diese Darstellungen wurden von fünf unterschiedlichen britischen und niederländischen Künstlern angefertigt und sind über einen Zeitraum von 60 Jahren verstreut.

Ich habe natürlich die europäischen Teekannen aus Kupfer recherchiert, das Ergebnis ist dass diese mehr oder weniger alle (die bis heute überdauert haben und auf Bildern immer noch zu erkennen sind) so aussahen wie van de Schlichten's Exempel (erste Hälfte 18 Jh.). Ich konnte keine 200-300ml kleinen europäischen Kuperkannen vom chinesischem Design finden.

Wenn man ihre Farbe und Oberflächentextur anschaut, im Gegensatz zum obigen Exempel, liegt die Annahme, es handelt sich um Ton, sehr nahe. Und da wie auch wissen dass die Chinesen Teegeschirr speziell für den europäischen Teemarkt herstellten (Ca Mau Schiffswrack), inklusive Teeschalen...

... jeder weiß doch worauf ich hinaus will! :ph34r: :)  Die ersten chinesischen Erwähnungen von besonders kleinen Kannen und Trinkschalen stammen aus dem 18 Jh (siehe Lawrence Zhang) und Thomas Short schreibt in seinem Werk (herausgegeben 1730) dass Pekoe und Congou beide fünf Aufgüsse vertragen ("will bear five Waters"), der Congou aber zeitnah abgegossen werden muss ("presently pour'd off") da er sonst zu stark extrahiert ("the whole Strength of the Tea will be drawn out at once" S.13). Die Aufguss-Zahl wird auch für Grüntee angegeben, Hysson z.B. verträgt ebenfalls fünf Durchgänge wobei explizit gesagt wird dass man bei diesem Tee weniger Blatt für diesselbe Wassermenge baucht als es bei anderen Tees der Fall ist (S.14).

Wir haben also nicht nur moderat große (Ton?)kannen die der klassischen Yixing-Keramik ähnlich sehen, sondern auch die mitunter sehr kleinen Trinkschalen (Hayman, Koets II., Verkolje) und den Bericht eines Gelehrten aus genau demselben Zeitraum, welcher sich kaum mit der Praxis eines simplen einmaligen 5-minütigen Aufgusses vereinbaren lässt.

Ich interpretiere die Belege mal vorsichtig: Es wurden vermutlich nicht nur Tee, sondern auch das Geschirr und die Zubereitungspraxis nach Europa exportiert, denn die konkrete Gegend wo die Europäer den Tee kauften (Fujian, Guangdong), ist auch die Geburtsstätte der Chaozhou Gongfu Cha. Die Mode dafür hielt in Europa offenbar nicht lange, denn ab der 2 Hälfte des 18 Jh. bildete sich mehr oder weniger das raus was wir heute von den Ostfriesen immer noch kennen, große Teekannen und Tassen + Zucker & Sahne dominierten nun komplett.

Grüße, OstHesse

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The Tea Garden von George Morland, 1790

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 Chelsea Pensioner von J. Jenkins, 1826

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Familienportrait von Tomofei Mjagkov, 1844

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Afternoon Tea von Jean François Raffaëlli, ca. 1880

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bearbeitet von OstHesse

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HIER ist ein modernes Beispiel einesTeehauses nach traditionellem Vorbild in Duyun (Guizhou)

Die große Wasserschale, die Form und Farbe der Trinkschalen, Wasserkocher, kein wasserauffangendes Tablett (!), der einzige Unterschied ist der Gaiwan anstatt einer Teekanne, aber ansonsten entspricht diese Teegeschirr-Anordnung so ziemlich dem was wir in Europa zwischen 1670 und 1820 auf vielen bzw. meisten Tee-Bildern sehen.

Trotz der Quellenlage existiert eine weit verbreitete Vorstellung, dass die "westliche Teekultur" sich deshalb so stark von "Gongfu" unterscheidet, weil Tee in Europa selten und teuer war!  Die Europäer waren eher bemüht aus wenig Tee alles rauszuholen was geht und kompensierten die fehlende Qualität & Quantität mit 1). einer einzigen langen Aufgusszeit, 2). Erzeugung von Mischungen und 3). Aromatisierungen. Als Paradebeispiele der "westlichen Teekultur" nennen gängige Artikel "English Breakfast" und "Earl Grey".

Ich persönlich halte diese Aussage für einen MYTHOS, vergleichbar mit ähnlichen Mythen wie "Menschen glaubten im Mittelater die Erde sei flach" und "Samuraischwerter schneiden Maschinengewehrrohre durch wie Butter". Die meisten Tees waren in der Tat  ziemlich teuer im Vergleich zu anderen Getränken während der ersten 150 Jahre der europäischen Teekultur, die erhaltenen bildlichen/schriftlichen Quellen zeugen da aber eher von einer Herangehensweise die mehr oder weniger der Chinesischen entsprach (siehe Thomas Short' "A Dissertation Upon Tea", 1730). Dies liegt höchstwahrscheinlich an den Eigenschaften des chinesischen Tees selbst; Grüntees/Hongcha/Heicha/Oolong brauchen einfach eine substantielle Mindestmenge um ihren Geschmack zu entfalten - ganz anders als CTC Assam, wo mehr Temperatur und längere Ziehzeit tatsächlich die sehr geringe Teemenge wunderbar ausgleichen können! Jeder kann selbst versuchen 1,75g von beliebigen Oolong zu Pulver zu mahlen, aufgießen und das Resultat mit einem 1,75g Assam-Teestaubbeutel zu vergleichen. Meiner Meinung nach werden hier eindeutig die Eigenschaften des CTC Assam auf die chinesischen Tees des 17-18 Jh. projiziert, ähnlich wie die ungewaschenen und verseuchten 18. und 19. Jahrhunderte und der Hexenwahn der Renaissance gern (aber völlig quellenwidrig) aufs Mittelalter übertragen werden. Mischen und Aromatisieren von Tee wurde zwar von Anfang an praktiziert, jedoch mit einem eher betrügerischen Zweck, "Earl Grey" und "English Breakfast" die oft als Inbegriff der "westlichen Teekultur" verstanden werden sind Produkte der 2. Hälfte des 19 Jh. und stammen aus der Zeit des kulturellen und wirtschaftlichen Aufbruchs der älteren Teetraditionen, verursacht durch den Siegeszug der presiwerten Tees aus Indien.

Ich bin dafür dass dieser lästige Mythos endlich mal aufgeklärt wird und für immer verschwindet.

Grüße, OstHesse

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    • Von Quorton
       
      Man findet viele Videos zu Teezeremonien und anderen Quatsch auf Youtube. Es gibt jede Menge Gongfu-Vorstellungen die uns erklären, dass das und nichts anderes DIE traditionelle Art der Teezubereitung ist. Daher meine Überraschung als ich dieses Video gefunden habe. Es gibt hier auf den Forum Leute mit deutlich mehr Erfahrung als ich, also alles was ich hier sage ist mit Vorsicht zu genießen. 
       
      Dieses Video scheint alles richtig zu machen. Wenn man die zeitgenössische Quellen ließt, genau so stellt man sich die Song Dynastie hohe Teekultur vor. Der Wasserbehälter ist typisch mit einen spitzen Ende, die Schale ist auch stilistisch passend, der Tee wird tatsächlich so gut vorbereitet, dass der Schaum weiß ist... 
       
      Ich finde auch das Video besser als das von Global Tea Hut. Dort wurden unpassende Schalen genutzt. Zusätzlich wurde die Vorbereitung und Servierung ein bisschen komisch gemacht. Hier ist das besagte Video: 
       
       
      Um eine Ergänzung für interessierte zu verlinken, hier ein Video zu Song-Teekeramik: 
       
       
      Bücher auf die ich meine Aussage zu Authentizität mache:
      Mair, Victor H. und Erling Hoh. 2012. The True History of Tea. London: Thames and Hudson Ltd.
      Benn, James A.. 2015. Tea in China: A Religious and Cultural History. Honolulu: University of Hawaii Press.
       
    • Von OstHesse
      Hallo ihr lieben Teekenner!
      Die weltweite Tee-Community ist in Zeiten des Internets enorm gewachsen, es gibt nichts was es nicht gibt...
      ... und es gibt auch uns, Leute die es extra aromatisch, extra kräftig und extra mineralisch mögen.
      Ich nehme meinen 130-150ml Tea-Taster (dicke Porzellanwände die Hitze sehr gut speichern), lege dorthin mindestens 7 Gramm Sheng/Oolong/Darjeeling/Bai Mudan, gieße das alles mit 95-100°C Wasser auf und lasse es 0,4 bis 4 Minuten (je nach Aufguss) brühen, wobei das Aufgussgefäß mindestens einmal mit demselben heißen Wasser solange begieße, bis ich den Deckel und das ganze Gefäß (außer dem Henkel) wegen brühender Hitze nicht mehr anfassen kann. Das Teewasser wird mindestens einmal mit frischem Wasser aufgefüllt und mehrmals knapp zum Kochen gebracht wenns unter 90°C fällt. Auf diese Weise kriege ich in 8-10 Aufgüssen alles raus was sich im Teeblatt versteckt! Dies ist mein "Goldstandard", insbesondere bei Sheng PuErh.
      Wenn andere, selbst tee-erfahrene Menschen, diese Praxis zur Kenntnis nehmen, reagieren sie meist sehr skeptisch.
      Magst Du Deinen Tee auch so???
      Dann willkommen in diesem Diskusionsthread!
      Grüße, OstHesse
    • Von VanFersen
      Meileaf hat es und viele andere auch im Angebot - einige kennen es sicher, den Gongfu-Maker! Bin ich ein Fan davon? Persönlich = eher nicht. Vielmehr wäre es, als einfache Variante für unser Teehaus relevant für die Kundschaft die es simpel und einfach mögen und nicht viel Tamtam um viele einzelne Elemente in der traditionellen Gongfu Variante. Mein Chef hat nun einige getestet, war aber von jenen die er bisher probierte nicht begeistert, was Qualität und Handling anbelangte.
      Es wäre sowohl für eine neuartige und leichte Handhabung direkt im Teehaus zum genießen gedacht, wie gesagt für jene die es eher schlicht und simpel haben wollen, wir aber dennoch den Gongfu-Weg unter das Volk bringen könnten und auch für zu Hause. Es wird beides geben, richtig Gongfu und Gongfu für Einsteiger.
      Aber welcher? Habt ihr gute Tipps oder Erfahrungen mit einem dieser Maker der wirklich gut war und seinen Zweck gut und lange erfüllt hat?
    • Von miig
      Hallo zusammen,
      schon länger stolper ich immer wieder über diesen Begriff, den ich höchst unzutreffend finde. Also hier mal das gesammelte Argument. Natürlich ist dies eine Einladung zur Diskussion . Ich behaupte also: *Trommelwirbel*
      Gong Fu Cha ist keine  "Chinesische Teezeremonie". Dieser Begriff ist unzutreffend, irreführend und bei genauerem Hinsehen sinnlos.
      Warum? Weil eine Zeremonie etwas ganz bestimmtes ist:
      La source: https://www.duden.de/rechtschreibung/Zeremonie
      Man hat also durchaus feste Abläufe, und grade die Videos auf Youtube demonstrieren auch das Wiederholen ganz bestimmter, nicht unbedingt nötiger Handlungen. Das hat schon etwas rituelles. Dennoch:
       Im Gegensatz zum japanischen Cha No Yu, das eine völlig andere Angelegenheit ist und hiermit nicht vermischt werden soll, wird bei der Gongfu-Methode mit einer bestimmten Technik Tee zubereitet. Und während dies durchaus spirituelle Konnotationen haben kann, siehe den Global Tea Hut-Stil, und die verliebten Arrangements der Taiwaner, ist Feierlichkeit und der Aspekt einer Religiosität in sehr vielen Fällen überhaupt nicht präsent. Somit sollte man besser von der Gongfu-Methode sprechen, oder, wenn es sein muss, von der chinesischen Art, Tee zu machen, nicht aber von einer Zeremonie.
      Natürlich hat es Gründe, warum der Begriff beliebt ist: Er klingt mystisch, irgendwie geheimnisvoll, nach östlicher Weisheit und meditativen Ritualen. Und wie so vieles, das mit diesen Eigenschaften gepusht werden soll, ist's Blödsinn.
       
    • Von miig
      Hallo zusammen,
      man spricht so oft von "Gongfu-Tee" und ähnlichem. (Bitte sagt nicht, chinesische Teezeremonie...) Ich hab aber den Eindruck, dass das ein sehr unscharfer Begriff ist, dessen unterschiedliche Verwendung öfter mal Missverständnisse verursacht. Also würd ich mal herumfragen wollen, was ihr so darunter versteht.
      Ein Hinweis: Mir gehts weniger darum, die eine, wahre Definition zu finden, sondern eher, das Spektrum zu erfragen, zu sehen, was gehört definitiv dazu, was darf auf gar keinen Fall... es wird immer Abweichungen geben, das gehört dazu und macht auch viel des Spaßfaktors aus
      Achja: Gongfu Cha ist keine Teezeremonie (forumsinterner Link)
      Ich wollte mehr dazu schreiben, aber bevor der andere Thread zu voll wird, lasst uns an dieser Stelle hier über die Bedeutung von Gong Fu Cha sprechen
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