Thomas87

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  1. Tee und Stress

    An miig: Zitat: ‚ …. warum man eigentlich Tee trinkt. Da gibt es nämlich ganz verschiedene Motivationen ….’ Ja, der arme Tee! Was er alles leisten soll! Wäre der Tee ein Schulbub, würde ihn die Verwandtschaft geistig massakrieren: Du musst Lokomotivführer werden, fordert der Papa. Nein, Künstler!, die Mama. Kommt der Onkel daher: Selbstverständlich muss er ins obere Management. Und die Tante: Handwerk hat goldenen Boden! Alle zerren sie an dem Tee-Bub herum mit tausend Ansprüchen und wenn der Bub klug ist, sagt er sich: Ihr könnt mich mal …! Das erinnert mich an die Mutter, die ihrem Sohn zu Weihnachten zwei Krawatten schenkt. Kommt der Sohn HeiligDreiKönig zu Besuch, hat sogar eine der Krawatten angelegt. Zieht die Mutter eine Schnute und sagt: Die andere gefällt Dir wohl nicht. Die Psychologen nennen das einen Doublebind: Was immer auch der Sohn macht, dieser Mutter kann er nichts recht machen. Bateson sah darin eine der Ursachen für Schizophrenie. Und jetzt der Tee. Eine eigentlich unscheinbare Pflanze, die nun die Bedürfnisse einer Menschheit erfüllen soll, die ihr psychisches Verlangen ins Materielle entäußert hat und glaubt, wenn man nur viel und das richtige kauft, irgendwann den glückseligen Zustand erlangen zu können. Man glaubt, Geist mit Materie füttern zu müssen; was natürlich nicht gelingt und nie gelingen kann, nicht einmal, indem man unaufhörlich produziert und konsumiert. Ja, die Konsumschleife ist der schiere Beweis für das komplette Versagen des Weiter!, Besser!, Mehr!. Könnte man seinen Tee gänzlich ohne Motivation trinken, wäre nicht nur der Tee von allen Ansprüchen befreit, sondern man selbst auch. Denn die Erwartung an den Tee ist in derselben Knechtung wie jene an das geschundene Ich: Welch großen Gefühle soll mir diese Tasse bescheren und abverlangen! Welch außerordentliches Glücksempfinden erfordert dieser ganz besondere Tee, den ich mir da kredenze! Und muss ich nicht ein Beseeltes in mir evozieren, das dem edlen Geschirr um mich herum adäquat ist …? Das meine ich mit Stress. Es sind ja nicht nur die äußeren Umstände, das umständliche Hantieren mit den kostbaren Utensilien, den teuren Einkäufen, dem ganz speziellen Strauchgeblüt, sondern die inhärente Erwartung, dass ich als Teetrinker nun auch mein seelisches Inventar all dem angleichen muss. Ich muss etwas spüren und wenn ich nichts spüre, bin ich ein Troglodyt dumpfesten Charakters, ein unreifer Mensch, nicht würdig, nicht sensibel genug für die ganz feinen Blätter. Und selbstverständlich muss mein Teegenuss gefühlsecht sein und gefühlsrichtig. Wer beim Teetrinken eine Erektion bekommt, riskiert, sofern er diesen Umstand überhaupt sozialdynamisch in die Mitteilung bringt, gesellschaftliche Ächtung. Man muss sich also nicht nur generell Gefühle zulegen, sondern auch solche, die sich im Rahmen des geistigen Horizontes der Mittrinker bewegen. Die Oberschlauen haben da gleich einen Tee-Weg daraus kreiert: Eine Art von Rosenkreuzer-Aufstieg in die heiligen Hallen der Selbstentäußerung. Solcher Teegenuss erscheint in vollkommener Verelendung von Intelligenz und ähnelt mehr und mehr den Kategorien der Porno-Kanäle, wo vom Fußfetischismus bis zum Freiluftsex für jedes Plaisir die entsprechende Rubrik zu finden ist. Tee und Sex. Oh, das Thema gibt’s hier noch gar nicht! Ito, der versteckt im hinteren Teil des Gartens seinen eigenen Teestrauch pflegte, begann zu bemerken, dass diesem regelmäßig Blätter fehlten, die er selber nicht gepflückt hatte. Er schalt sich seiner Eifersucht, seiner Wut und vergeblich versuchte er, seinen Zorn hinweg zu meditieren. All sein Zazen mißlang und er beschloss, sich, indem er Rache nahm, damit zu heilen. Er warf nun ein prüfendes Auge auf alle Mönche und nahm selbst den Meister davon nicht aus, der ungeachtet aller Tattrigkeit von schalkhaftem Gemüt war. Tosa, der wußte, wie sehr dem Abt an Ito gelegen war, und dem seinerseits kein Schritt von Ito entging, verkündete plötzlich den Ausfall der abendlichen Tee-Zeremonie mangels Tee: Alle Vorräte wären erschöpft und verbraucht. Ein unhörbares Murren ging durch die Mönche. Obwohl alle Itos kleines Geheimnis kannten, wagte keiner der Mönche an den Teestrauch im Garten zu erinnern, denn auch von den Mönchen hatte doch ein jeder seine eigene kleine Heimlichkeit. Da sprach in die Stille hinein der Meister: ‚Ich habe noch eine Dose für Gäste.‘ Da das Kloster niemals Gäste empfing, wußte jeder, wer mit ‚Gast‘ gemeint war und man zwinkerte sich verstohlen zu. Nun sagte Tosa: ‚In meinem Kessel ist das Wasser noch warm.‘ Auch hier wußte ein jeder, dass es streng verboten war, eigene Gerätschaften in seiner Kammer zu verwahren oder gar zu nutzen. Nun rief auch Ito: ‚Im Garten ist ein Teestrauch versteckt!‘ Da liefen nun auch die Mönche, ihre Schalen zu holen. Als alle in der Halle zusammen kamen, öffnete der Meister die Dose: Aber die Dose war leer. Es war kein Tee darin. Auch Tosa hob den Deckel der Kanne: Auch sie war leer. Es war kein Wasser darin. Nur Ito hatte den Korb voller Teeblätter. Da sprach der Meister: ‚Wasser, Kanne, Tee: Selbe Quelle.‘ Er griff in den Korb, warf davon eine Handvoll Teeblätter in den Kessel und füllte dann seine Dose damit auf. Tosa lief hinaus und brachte einen Krug frischen Wassers mit. Die Mönche besorgten Zunder und Brennholz. Niemals mehr wurde von Itos Strauch ein Blatt gezupft, auch nicht von ihm. Die Pflanze überwucherte das ganze Eck und wuchs sogar über die Mauer. Ihr Stamm wurde so kräftig, dass die Mönche daran hochklettern konnten, um sich heimlich in die Stadt zu stehlen. Wenn sich die in den Zeitläufen verstreuten Mönche im betagten Alter zufällig wieder trafen, kam die Rede immer auf diesen einen Abend: Auf diese eine Tee-Zeremonie und ihre eine Wahrhaftigkeit.
  2. Tee und Erleuchtung

    Da gibt es das große Getue um den Geschmack. Aber was heißt schon: Geschmack? Es heißt, sich aus einer Vielzahl von Möglichkeiten auf ein subjektives Spezifika zu kaprizieren und sämtliche Alternativen zu negieren. Der Gipfel des Geschmacks ist die Liebe. Sie glaubt, unter Milliarden von Männern und Frauen - die man gar nicht kennt - diesen/diese eine/einen als höchstes Geschmackserlebnis anjubeln zu müssen und alle Restangebote zur zweiten und dritten Wahl zu degradieren. Geschmack, auf welcher Ebene auch immer, ist im Grunde Engstirnigkeit, das berühmte Brett vorm Kopf, das man - in dummdreister Verkehrung - als erstrebenswertes Kulturgut verkauft; auch hierin offen pluralistisch der jeweiligen Geschmackszielgruppe angepasst, denn der Geschmäcker sind viele und der Markt bedient sie alle, ob mit oder ohne Geschmack. Hauptsache, das Ding verkauft sich. Wenn man nun den Geschmack, das Schmecken genauer untersucht: Was passiert da? Ganz einfach: Das Gehirn erhält einen Sinnesreiz und vergleicht diesen mit den gespeicherten Erinnerungen an frühere Reize. Das Neue, Frische, Unerhörte wird also eingeebnet, etikettiert und mit dem Alten und Toten verglichen; indem man Wahrnehmung versprachlicht, in die Enge von Wörtern treibt, sie auf Kennzahlen reduziert, Datenbanken darüber anlegt; allgemein: sie in den Würgegriff allerlei Kognitionen nimmt: So geht das Lebendige dahin. Und kaum hat man diese unglaubliche Verarmung an Wirklichkeit vollzogen, beklagt man sich über die Schalheit des Lebens, seine Triste und Langeweile und stürzt sich sofort in das Hamsterrad der Reizerneuerung und plant beim Genuss des einen bereits den nächsten. Dieses unendliche Erwerben, dieses Probieren, Bewerten, Begutachten, Bemeinen und Hinausposaunen, diese unermüdliche Betriebsamkeit des Geistes beklatschen wir wohlwollend, wo wir doch nur Krämer und Händler verwesender Gedanken sind und glauben, einem Lebendigen hinterher zu jagen, welches wir doch selber ständig vor uns her treiben. Kein Wunder, dass die Leute verdep(p)ressieren; die sich dazu nicht einmal am eigenen, sondern ernstlich am Geschmack - Welchen Tee trinkst Du gerade? - der anderen orientieren. Wenn es also ‚Erleuchtung‘ gibt - und traditionell lädt der Teegenuss dazu ein, in ihm mehr als bloße Hydration und Zellversorgung zu erblicken - wie ‚schmeckt‘ dann diese ‚Erleuchtung‘? Seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten trinken wir Tee, feinste Gewächse aus feinsten Schalen in allerfeinster Verfeinerung: Und was ist passiert? Nichts. ‚Hier steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so schlau als wie zuvor!’ Genau das ist ‚Erleuchtung‘: Es geschieht nichts! Dies ist das berühmte Nichts, auf das manche ihr Leben lang hinarbeiten, es immer vor Augen haben und doch nie erblicken. Dies ist das echte Nicht, das sich der Korruption durch das Sein und Etwas so sehr entzieht, dass es nur das ist, was es ist: nichts. Es passiert nichts. Rein gar nichts. Dies ist das berühmte Zen-Lachen. Die Zeit knallt auf sich selbst zurück. Da ist nichts! Das ist es! Darauf eine Tasse Tee! Die Mönche hatten Ito, dessen tiefes Schweigen bei der Tee-Meditation ihren Neid hervorrief, Zucker in den Tee gestreut. Scheel aus den Augenwinkeln starrten sie nun verhohlen nach einem Augenzucken, einem Stirnrunzeln, einem Lippenrollen, einem Zungenplopp - einer kleinsten Abweichung vom Ritual. Aber Ito schien so tief zu meditieren und den Zucker vielleicht gar nicht herauszuschmecken? Da erhöhten die Mönche den Zuckeranteil auf drei Löffelgaben. Nun musste eine Reaktion kommen! Ito aber, noch bevor er seine Schale an die Lippen angesetzt hatte, reichte sie in erweiterter Zeremonie ehrerbietig und mit Huldigung an den Meister weiter. Die Mönche gerieten in Angst und Schrecken und die Röte stieg ihnen zu Gesicht. Nun würde der ehrwürdige Meister Opfer ihres Schabernacks werden. Zuerst kostete der Meister nur, dann trank er die ganze Schale aus. Dann sagte er: ‚Lecker.‘ Am nächsten Tag aber war der Zucker aus der Küche verschwunden. Nie wurde über diesen Vorfall gesprochen. Itos Schweigen hatte sich über das ganze Kloster gelegt. So stark war es.
  3. Tee und Stress

    An miig und doumer: ‚Maidenplugged‘ kannte ich noch gar nicht. Hat mich sofort an die 24 Paradies-Jungfrauen erinnert, die den wahren Kämpfer erwarten und bei denen ich mich immer frage: Wo kommen die her? Und: Reichen die aus? Müssen ja zwangsläufig die Schwestern all der Kumpels sein, die da oben ebenfalls reiche Segnungen erwarten. Ich habe meinen Tee-Fetischismus - wozu ist man lernfähig - ja bereits in meiner Espresso-Phase erledigt und dachte mir, diese Sektiererei wiederholst du beim Tee nicht. Ja, ich bin ein Davongekommener und erlaube mir, Tee nur in geringer Dosis an Selbsttäuschung zu trinken. Natürlich habe ich nach Entdeckung dieses Teeforums sämtliche Beiträge quergelesen und dachte mir: Wenn all dieser Tee-Enthusiasmus sich nur in einer Sprache artikuliert, die sich im Superlativ und im häufigen Gebrauch von ‚großartig‘ erschöpft, der also allenfalls Reaktionen heraufbeschwört, die sich in schnöder Ausdifferenzierung allen Materials manifestieren und im Glauben an das richtige Gerät banalisieren, dann kann ich mir all diesen Tee-Zirkus ersparen. Denn wäre Tee ein göttliches Getränk, müssten wir dann nicht alle zu Göttern werden? Nun, bei mir hat’s nicht geklappt. Diese Einsicht hat mich ungeheuer befreit und ich gewann eine ganz naive, kindliche Freude am Tee. Natürlich bin zu tief konditioniert, um gänzlich frei zu sein von jeglichem Optimierungsdenken und erst recht vom Glauben an gut und schlecht und oben und unten und feiner und besser: noch besser, am besten und sämtlichen nachfolgenden Steigerungen. Aber so versklavt wie beim Espresso - datenbankgestützte Temperatur-Geschmacks-Korrelate - bin ich nicht mehr. Manchmal frage ich mich, wie ich mich dieser Teesache auf einem mittleren Weg nähern kann, ohne in den Niederungen des Beuteltees zu versacken, noch dem ganzen NonPlusUltra-Eskapismus zu verfallen. Meist aber frage ich mich gar nicht und trinke ohne Hochmut, ohne Demut, ohne das ganze Bimbamborium das, was gerade im Regal steht, in der Tasse aus dem Schrank und dem Wasser aus dem Hahn. Und ich gestehe, ich bin ein Ketzer der reinen Lehre: Ich trinke Tee mit Milch. Aber ich halte nicht durch. Dem alten Meister war die Schale Tee wieder einmal seinen zittrigen Händen entglitten. Die Scherben lagen verstreut, die Dielen nass vom Tee. Ito, der den verehrten Meister auf Schritt und Tritt begleitete, warf sich zu Boden und bat um Vergebung. Tosa, der die beiden schon länger beobachtete, nahm daraufhin den alten Meister still beiseite und sprach: ‚Tee-Weg: Teurer Weg.‘ Sofort ließ der alte Meister seine Schale fallen, aber Tosa fing sie geschickt auf. Da sagte der Alte: ‚Tee-Weg. Wahrer Weg.‘ Tosa verbeugte sich, ging in die Küche und wies die Mönche an, mehr Tee-Schalen zu kaufen.
  4. Tee und Stress

    Viel Mühe nimmt der Connaisseur auf sich - feinstes Geschirr, allerfrischesten Direktimport aus dem Teegarten, umfassende Schulung sämtlicher Gaumenknospen - um sich den unverfälschten und wahren Genuss zuzuführen, den nur ein optimal zubereitetes Produkt zur Geschmacksentfaltung, ach was, -explosion bringen kann, um ja jede Gehirnzelle zu betören: Ja, das ist es! Jetzt hab’ ich’s! Nun gibt es ein technisches Problem. Das ist die Wassertemperatur. Tee - zumal schwarzer - verlangt kochend heißes Wasser zur Lösung aller Inhaltsstoffe. Der Kenner gießt zwar nicht sprudelnd kochendes Wasser drüber, sondern wartet und lässt ein paar Grad abfallen, aber auch dann hat der Tee immer noch reichlich 40 Grad Übertemperatur: Er ist nicht trinkbar, will man sich nicht die Zunge verbrühen. Also wartet der Teekenner ab. In dieser Wartezeit aber beginnt bereits der Alterungsprozess des Getränks. Man kann das an der Verfärbung von gelb zu gold zu braun direkt beobachten und selbst bei grobem Geschmacksempfinden herausschmecken: Der Tee verbittert. Das Optimum ist verpasst. Die Findigen behelfen sich mit Milch und gießen kalte zu. Dann hat man ein Milchmischgetränk, aber keinen Tee mehr: Perdü der reine Genuss. Andere nun kippen Kanne zu Kanne schnell hin und her und sind so mit Zwischentemperaturmessungen beschäftigt, dass die Konversation bei Tische leidet und die Gäste sich eher im Labor vermuten, als beim Teekränzchen. Wieder andere bereiten einen Teesud und ergänzen diesen - nach langen Messreihen - mit der richtigen Menge Kaltwasser, das sie tassengerecht portioniert haben, um ja den optimalen Trinkpunkt des Maximalaromas, der bei etwa 69 Grad liegt, also im Wägpunkt zwischen Frische und Bitterung, nicht zu verpassen. Dies sind die Ingenieure der Teezeremonie, mithin die MINT-Leute, die nach aufwendiger Kurvendiskussion und präziser Grenzwertberechnung sämtliche Parameter in einen Annäherungspunkt kulminiert haben und letztlich doch am inhärenten Kompromiss zwischen Alltag und Wissenschaft scheitern. Wer schon tut sich solche Prozeduren an? Kurzum: Die Suche nach dem Geschmacksoptimum, nach dem reinen Genuss artet aus in aufwändige technische Szenarien oder in kulinarische Unzulänglichkeit und wie in jedem magischen Viereck ist das eine nicht zu haben, ohne auf das andere verzichten zu müssen: Wer Tee richtig und optimal genießen will, handelt sich eine Menge Stress ein und konterkariert damit jeden Genuss. Dabei haben wir - Ähh - über Kalkanteile im Brühwasser und deren geschmacksbeeinträchtigende Wirkung noch gar nicht gesprochen. Über Wasser generell. Über Blattentfaltungsräume. Kannen- und Tassenformen und deren Einfluss auf die Degustation. Über Mondphasen, Raumfeuchte und jahreszeitliche Bedingungsgefüge. Über Kindheitsprägungen und die Genderproblematik beim Teetrinken. Die Experten haben - im Gegensatz zum Laien - die Lehre vom Optimum längst aufgegeben. Sie beurteilen ein Lebensmittel, Wein, Olivenöl, Butter, nicht nach Optimalgenuss, sondern nach Typgerechtigkeit. Schmeckt das Ding so, wie es schmecken sollte? Damit aber sind wir in der Mode, sprich der Relativität und nicht in der Spiritualität, also dort, wo ein jeder Kenner hin gelangen will, nämlich in die Istigkeit. Was also spricht der Weise? Wie schält er sich aus dem Dilemma? Wie kann er noch unbefangen Tee trinken, ohne zu verzweifeln? Nun, Bodhidharma ging es nur um die Wirkung. Hierfür genügt auch eine Dose Red Bull. Klappt kalt wie warm: Die Gans ist raus! ps Dieser Beitrag bezieht sich auf diesen Koan: Chokoglu brachte dem Meister eine Schale Tee. ‚Zu heiß‘, sprach der Meister. Chokoglu brachte eine neue Schale. ‚Zu bitter‘, sagte der Meister. Nun kam Chokoglu mit einer dritten Schale an. ‚Zu dünn. Dieser Tee schmeckt nach gar nichts‘, entgegnete der Meister. Viele Jahre lang brachte Chokoglu nun dem Meister Tee, aber niemals nahm der Meister eine Schale von ihm an. Immer hatte er etwas einzuwenden. Niemals fand eine Schale sein Genügen. Da hörte Chokoglu damit auf, dem Meister Tee zu bringen. Sofort rief der Meister: ‚Wo bleibt mein Tee?‘
  5. Tee taugt für kein Besäufnis

    Dank und Verabschiedung Der Gastgeber hat in Tradition gemäß dem Weg der Vier Winde und den Vier Himmelsrichtungen seinen Gästen vier Tassen Tee kredenzt; nach alter Regel - stark - stärker - leicht - am stärksten - in ehrwürdiger, überkommener Abfolge. Er dankt seinen Gästen - den Kenntnisreichen wie den Neulingen - für ihre aufmunternden Kommentare und entschuldigt sich demütig, keine Süßigkeiten gereicht zu haben. (Tipp an Ohngesicht für’s nächste Mal: Popcorn geht gar nicht.) Der Gastgeber möchte sich ehrehrbietig von seinen Gästen verabschieden mit altem Brauch: In diesem Alter/bin ich noch/ ein kindlicher Sucher/ Wenn die Blätter/fallen/ sinkt/auch die Sonne/ Ja/die Stille/nirgendwo
  6. Tee taugt für kein Besäufnis

    Viele Teetrinker machen sich viele Gedanken darüber, wie der Tee in die Tasse, aber nicht, wie der Gedanke ins Denken kommt. Deswegen können sie gut Auskunft geben über allerlei Zieh-, Brüh- und Sied-Methoden, aber davon, wie ihr Gedenken funktioniert, darüber wissen sie nichts. Eine Anekdote in ‚Tee-Zen in der Tradition des Tee-Weges‘ illustriert dies: Meister Sensei war die Schale Tee seinen Händen entglitten und zu Boden gefallen. Er sprach: ‚Tasse zerbrochen, Tee verflossen.‘ Bakunin, der beiseite stand, erwiderte: ‚Weder ist die Tasse zerbrochen, noch ist der Tee verflossen‘. Er reichte dem Meister eine frische Schale, aber Sensei nahm sie nicht an. Er sagte: ‚Tasse weg, Tee Weg.‘
  7. Tee taugt für kein Besäufnis

    Ich persönlich weigere mich, Tee als bloßes Genußmittel zu begreifen, was es aber wohl ist. Ich persönlich glaube an das Gute im Tee. Ich glaube - ganz kindlich: Wenn mich Tee und Teetrinken nicht schlauer, klüger, wacher, reifer, mitfühliger macht, wozu sollte ich ihn dann trinken? Stellen Sie sich das Münchner Oktoberfest statt mit Bier im Tee-Ausschank vor: Millionen Besucher sitzen vor ihren Keramiken, Kannen und Kelchen, das ganze Zelt ist beduftet von herber Würze frisch gesottener Teeblätter und die Kellnerinnen flanieren freundlich durch die Tee-Bänke um hier und da einen Tropfen Milch nachzureichen und das ganze Teezelt ist erfüllt von innerer Stille und besinnlicher Einkehr. Ja, ja, ich weiß: Absurd. Aber man versteht. Tee, das ist die Teese, ermöglicht wie kein anderes Getränk die Eigenkonversation, das unbelauschte Geständnis seiner selbst, den Trialog zwischen Blatt, Kanne und Selbst in der Konfiguration des Sitzenden, der zu dem kommt, der er ist. Denn das Geheimnis des Tees ist das Warten. In der Regel zu heiß, um sofort an die Lippen geführt zu werden, muss man Abwarten. In diese Untätigkeit schleicht sich sofort ein Unwohlsein und nicht wenige kühlen sogleich mit einem Schuß Milch auf Trinktemperatur herunter. Sie können nicht warten. Es ist diese Lücke zwischen Denken und Tat, die mich interessiert. Was macht das Gehirn, wenn es nicht beschäftigt ist? Ich weiß, was es macht: Es produziert Angst. Deswegen weisen die umliegenden Gemeinden in panischer Angst vor dem Abgehängtwerden Gewerbegebiet um Gewerbegebiet aus, bei gleichzeitiger Herausnahme der Flächen aus Landschafts- und Naturschutz. Bannwälder, Artenschutz, regionale Grünzüge, Biotope: Es geht dahin. Also frage ich mich: Kann mir Tee etwas beibringen? Im Gegensatz zum Total-Versager Bier: Bringt’s der Tee? Ich hab’s probiert: Es geht nicht. Es geht prinzipiell nicht. Wie man’s auch anstellt, man bleibt Sklave seiner selbst. Und ich habe viele Tassen getrunken. Ich habe hier Tee jeglicher Provenienz; Tassen, Becher, Schalen und Kännchen in jeglicher Variation. Ich kann mit Bestimmtheit sagen: Egal. Vollkommmen wurscht. Also: Worauf kommt es an? Das ist die Frage. Das ist die Tee-Frage. Das ist die Befragung durch den Tee. Hinterher darf man sich dann besaufen. (Randbemerkung: Bill Clinton erhält für seine gesprochenen Texte jeweils rund 350000 Dollar. Ich weiß nicht, welche Informationen darin diesen Betrag wert sind, aber ich kann sagen: Meine Zeilen hier sind gänzlich umsonst(sic!); ich verkaufe nichts, ich werbe nicht, ich promote nicht, weder offen, noch versteckt; ich bin in keiner Verpflichtung gegenüber niemandem. Natürlich rechne ich mit allem, von Unverständnis bis hin zu groben Beleidigungen, aber wer sich öffentlich postet, muß auch öffentlich einstecken können.)
  8. Tee taugt für kein Besäufnis

    Während es beim Kaffee Ziegen sind, sind es beim Tee immerhin Meditierer, mithin ins Kernland menschlicher Existenz vorstoßende Mitbürger, die für die anhaftend esoterische Aura von Tee gesorgt haben: Gesöff für Spirituelle und andere Möchtegerne. Von all dem übrig geblieben ist ein Tee-Ritual, dem der Japaner nur deshalb beiwohnt, um sich hinterher mit noch größerer und befreiter Inbrunst ins Vergnügungsviertel stürzen zu dürfen; So eine Art Ablaßhandel also: Zuerst den reinen Göttern dienen, dann darf der Körper ran. Da die meisten Teetrinker sich ihrem Getränk prozedural und von Seiten ausgiebigst diskutierter Kannenästhetik her nähern, ihren Genuss in den seltensten Fällen zu verbalisieren vermögen, außer: ‚Schmeckt gut!‘ Lecker!’, und so einem simplen Mögen oder Nicht-Mögen verhaftet sind: eben in jene Verstrickungen, von der der Tee-Genuss einst befreien sollte, komme ich wie jeden Herbst, da meine Tee-Saison beginnt, zur wiederkehrenden Frage: Wenn Tee zum beliebigen - gerne aufgestylten - Kulturgetränk degeneriert ist, alternativ zu Limo, Cola und Bier: Wozu dann das ganze Brimbamborium? Wozu auch nur einen einzigen Disput befeuern nach der tropffreien Kanne (1), dem schönsten Tassen-Dekor und links- oder rechtsdrehender Matcha-Verwirbelung: Wenn ‚anything goes‘, dann macht man, was man will, und damit hat sich das. Nun ist Tee kein Meßwein, sondern schnödes Handelsprodukt, heruntermaterialisiert in gebittertes Wasser mit Geschmack und alle Symbolik längst der Ahnungslosigkeit anheimgegeben; der Tee zum Beigetränk herabgewürdigt, zum Begleitgenuß beim Lesen, Fernsehschauen, Ratschen und banalster Büroarbeit, hat also seinen Aussschließlichkeitscharakter völlig verloren, weil das reine Trinken - reizüberflutet konditioniert wie wir sind - eh keiner mehr aushält: nur Tee zu trinken und sonst nichts zu tun. Teatogo eben. Ich glaube, dass das Nichts völlig überbewertet ist und meine Hoffnungen in den Tee sich desillusionieren: Vielleicht sollte ich mir lieber eine Dose RedBull kaufen. Aber ich warte noch ab: Das Abenteuer Tee beginnt ja nicht mit dem ersten Schluck, sondern dann, wenn die Tasse leer ist. Und das ist sie praktisch immer. ps. Liebe Grüße an Ohngesicht! (1) …ich selbst benütze keine Kannen mehr, ich brühe tassenfrisch…
  9. Tee taugt für kein Besäufnis

    Man kann den Teetrinkern nicht mal chromblitzende und sündteure Maschinen verkaufen und auch Teatogo verspricht keine großartigen Geschäfte. Daher verbleibt der Teeliebhaber als marginale Größe (Quan­ti­té né­g­li­gea­b­le) Außenseiter und Randfigur in einer überreizten Konsum- und Vermarktungslandschaft, der man umsatzmäßig nur - seiner reduzierten Materialität wegen: Tasse, Tee, Heißwasser - über ständigen Neuerwerb von Kanne und Teeeiern beikommt. Dem Tee fehlt der Coolness-Faktor. Schon mal irgendeinen Action-Star (John Wayne, Arnold Schwarzenegger…) beim Teeschlürfen erwischt? (Doch, gibt es: Chow Yun-Fat in ‚Tiger and Dragon‘) Man muss also damit leben, als Tee-Connaisseur Mensch zweiter Klasse und Verbraucher dritten, vierten Ranges zu sein in einem Beigeschäft, das sofort erstürbe, kämen unter den Tee-Plantagen Seltene Erden zum Vorschein. Das hat einen Vorteil: Als Teetrinker wird man nicht für voll genommen. ‚Was? Du trinkst Tee?‘ bekommt man in der Büroküche zugesprochen, als verwechselte man Arbeits- mit Freizeit unter Ignoranz des teuer angeschafften Kaffeevollautomaten; schließlich sollen die Mitarbeiter nachmittags nicht einschlafen. Als Teetrinker gilt man als geradezu fortschritts-, technik-, umsatz-, zukunftsfeindlich: Es fehlt an Dynamik, an Innovation, an merkantiler Eroberung neuer Geschäftsfelder und feindlichen Übernahmen in einer sich überschlagend selbst überholenden Welt des Mehr, Mehr, Mehr. Das ist nicht karrierefördernd. (So steigt in den Tigerstaaten mit dem Bruttosozialprodukt auch der Kaffeekonsum bei sinkendem Teeverbrauch.) Deswegen fühlt sich der Teetrinker oft schmählich zurückgesetzt, ja, übergangen, und er versucht diesen Makel durch hochdosierte Matchagaben auszugleichen, damit das Herzflimmern als Ausdruck vollen Einsatzes für die Firma gedeutet werden kann. Tee trinkt man, so heißt es, um den Lärm der Welt zu vergessen. Die Welt aber, vergißt gerne den Teetrinker. Die Gefahr ist, ganz herauszufallen aus den Getrieben der Zeit. Man kann dann zu Recht sagen: Der Tee hat’s versiebt.