Achtung, langer Text folgt
Die Idee, meine (Tee)wasserversorgung neu zu gestalten hatte ich schon länger.
Zum einen will ich weg von gekauftem Wasser, insbesondere von Plastikflaschen, zum anderen brauche ich nicht "ein" Wasser, sondern möchte die Möglichkeit haben, mir ohne größeren Aufwand je nach Teesorte das passende Wasser mischen zu können.
Und nachdem ich in Bezug auf meine Teepräferenzen gesetzt bin, ich meine Lieferanten zusammen habe, die Lagerhaltung organisiert ist und die Sammlung an Teekeramik weitgehend steht, brauche ich auch ein neues Experimentierfeld...
Ein weiterer, und am Ende auch der den entscheidenden Ausschlag gebende, Punkt ist, dass ich zu Hause jetzt mehrfach den Geschmack von Tee nicht reproduziert bekommen habe. Ein japanischer Grüntee, den ich wegen dem außergewöhnlichen Nachgeschmack gekauft habe, konnte genau diesen bei mir zu Hause nie zeigen, gleiches gilt für vor allem für einige Pu Erh und Hei Cha. Auch hier konnte ich Schlüsselelemente an meinem Teetisch nie befriedigend herauskitzeln. Da es sich um viele Tees, von verschiedenen Händlern, sogar aus verschiedenen Ländern, handelt, konnte das nur an den Bedingungen bei mir liegen.
Bei Oolong war die Diskrepanz gefühlt kleiner, aber nach meiner letzten Rückkehr aus Taiwan muss ich auch hier konstatieren, dass es doch einen über das hinnehmbare Maß hinaus gehenden Unterschied gibt.
Die Recherche nach geeigneten Filtern hatte ich schon vor Monaten angefangen, die in näheren Betracht kommenden Optionen hatte ich auch recht schnell zusammen. Jetzt geht es an die Umsetzung. Dabei werde ich, nachdem der Start jetzt gemacht ist, iterative Änderungen vornehmen um diverse Verfeinerungen/Anpassungen zu testen.
Allerdings bin ich mit dem jetzigen Stand schon sehr zufrieden, mal sehen wie weit das noch weiter zu optimieren ist.
Verworfen hatte ich direkt zu Beginn eine Umkehrosmoseanlage. Nicht, weil ich Zweifel an der Eignung hatte, sondern weil ich vorerst ohne große bauliche Änderung auskommen wollte und sich an diesen Anlagen als Komplettlösung eben nicht herumspielen und experimentieren lässt, was ja Teil meines Projektes sein soll.
Gegenüber meinem zuerst angedachten Konzept hat sich schlussendlich eine Änderung ergeben: Auf meiner letzten Taiwanreise habe ich einen Tonkessel mitgebracht. Der war eigentlich als Alternative zu meinem Tetsubin gedacht, um hier je nach Tee variieren zu können. Die Beeinflussung dieses Kessels ist deutlich, er bringt mehrere Charakteristika ein, von denen mir unabhängig von der Teesorte einige gefallen, einige eher nicht. Die Beeinflussung lässt sich aber auch erreichen, indem ich den Kessel zur Lagerung und nicht zum Kochen verwende.
Zu Beginn des Experimentes habe ich zuerst ein paar Tees mit nur Britagefiltertem Leitungswasser gemacht, Ergebnis: Alle eigentlich untrinkbar.
Leitungswasser + Brita + Tonkessel für einige Stunden hat dagegen bereits merklich besser funktioniert. Pu Erh kommt mit härterem Wasser ja grundsätzlich besser zurecht, das ging in diesem Setup. Auch grüne Tees waren durchaus genießbar. Der oben erwähnte Nachgeschmack etwa war deutlich prägnanter. Das hat mir gezeigt, dass ich hier keinen Fehlkauf getätigt habe.
Mit einer weiteren kleinen Ergänzung bleibt dieser Teil der Wasserbereitung jetzt erst mal so: Ich habe ein Stück Binchotan Kohle in den Kessel gelegt. Ich denke nicht dass das eine wirklich signifikant messbare Filterwirkung hat, rein geschmacklich hat das aber das Wasser noch mal etwas süßer gemacht und den Mineraliengeschmack weiter reduziert.
Mit diesem Wasser könnte ich für viele Tees bereits leben, außer für Oolong. Einige Randbedingungen werden zwar sehr stimmig, der Aufguss ist sehr klar, das Mundgefühl weich und voll, die Intensität des Tees ist im Nachhall spürbar, das Aroma ist erstaunlich stark, dafür ist der Geschmack unterdrückt. Im Gegensatz zum reinen Leitungswasser und dem Tonkessel allein sind nach der Ergänzung der Kohle zwar keine Fehltöne mehr vorhanden, dafür ist der Eigengeschmack des Tees durch irgendeine Überlagerung wie weggewischt.
Zeit für das eigentliche Kernstück meines Experimentes: Ein Keramikfilter. Diese Zisterne hatte ich schon seit letztem Jahr im Auge, als ich begonnen habe nach Wasseraufbereitungsanlagen zu recherchieren. Zwei große Pluspunkte hier, das Ding sieht gut genug aus, um sich ins Wohnzimmerambiente zu integrieren. Und hätte das Wasser für Tee nicht getaugt, wäre das Wasser eben einfach nur so getrunken worden, die Filterwirkung auf alle möglichen Rückstände ist ja grundsätzlich vorteilhaft.
Das Filterprinzip ist relativ simpel, der Keramikstab hat extrem feine Poren, durch die das Wasser zwar sehr langsam durchsickert, fast alle im Wasser gelösten Stoffe aber zurückgehalten werden, Die Patrone ist zudem noch mit Aktivkohle gefüllt. Es ist also ein klassischer Gravitationsfilter, allerdings in einer schönen Hülle. Und Keramikunikate sind an meinem Teetisch immer willkommen.
Beide Filtermedien sind in der Wirkung wissenschaftlich belegt und liefern messbare Ergebnisse, der Filter ist entsprechend zertifiziert. Das hebt diese Zisterne deutlich von der Vielzahl der Wasserfilter ab, die ich mir im Zuge der Recherche ansehen durfte. Die Menge an Esoterikmumpitz, die man rund um Wasser findet ist erschreckend.
Zum Stand heute: Momentan mische ich beide Wasseraufbereitungsmethoden 50:50. Das hat den Hintergrund, dass ich das Wasser momentan rein olfaktorisch bewerte. Es ist einfacher, subtraktiv zu bewerten, also zu schauen was wegfällt, als zu erschmecken ob etwas neues dazu kommt. Reines "Ton"wasser kenne ich ja schon, in der Mischung geht von den positiven Eigenschaften nicht ausschlaggebend viel verloren. Die Menge an Mineralien in der Mischung ist ausreichend, um den Tee über den Ausgangsstatus (altes Wasser) zu heben. Das gilt für alle Metriken.
In der Mischung wird über alle Tees das Volumen, die Weichheit und die Klarheit noch einmal besser, der Nachgeschmack klart auf. Oolong ist jetzt ebenfalls auf hohem Niveau, obwohl ich denke, dass hier ein etwas angepasstes Mischverhältnis Richtung Zisterne noch bessere Ergebnisse bringen wird. Das lässt sich ja aber in diesem Setup feinsteuern.
Die nächsten Schritte: Ich habe eben Wasser aus der Zisterne in den Tonkessel umgefüllt. Ich will sehen, ob halb-halb das Gleiche ist wie doppelt.
Über die Woche werde ich einfach weiter trinken und evtl. das Mischverhältnis etwas variieren. Nächstes Wochenende steht ein Gang zur Quelle an. Das Quellwasser hatte ich früher für eine Zeit mal ausschließlich verwendet, es ist aber leider etwas zu Mineralhaltig. Pur getrunken sehr lecker, aber nicht optimal für die Teezubereitung. Nachdem ich mich dann an meine Filter gewöhnt habe, will ich probieren, ob dieses Wasser auf die eine oder andere (oder beide) Arten aufbereitet eine Verbesserung zum Leitungswasser bringt.
Das sollte dann das Ende des wirklich zielorientierten Teils meines Wasserexperimentes sein. Darüber hinaus will ich dann, nachdem die Parameter weitgehend feststehen noch einen etwas wilderen Experimentierteil anschließen. Meinem Leitungswasser werde ich dann noch mit einem selbstgebauten Filter zu Leibe rücken um ein sehr stark demineralisiertes Wasser zu bekommen. Dass könnte ich wie gesagt auch mit einer Umkehrosmoseanlage bekommen, aber ein bisschen rumbasteln macht einfach mehr Spaß.
Ich werde hier über den Fortgang berichten.