Märkte werden heutzutage erschlossen und Bedürfnisse gezielt geweckt.
Pu ist historisch gesehen ganz ein einfach der billigste Tee gewesen und ist als gepresster Tee in die Randgebiete exportiert worden. In Zentralchina hat man sich darüber nur die Nase gerümpft und hatte immer die zarteren und geschmacklich/aromatisch ausgewogeneren Tees bevorzugt.
Shou ist Anfang der 70 Jahre auf Grundlage der Erfahrung bewusst feucht gelagerten Tees in Hongkong/Guangzhou etc entwickelt worden um neue Märkte in Südostasien zu erschließen. Die Produktion von Pu war nach dem Krieg und vor allem während der Nachkriegskatastrophen in China komplett eingebrochen. Die Nachfrage in Südostasien nach billigem Tee für die Teehäuser aber sehr groß.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Taiwans Ende 70er Anfang 80er ist Oolong aus einem hauptsächlichem Exportprudukt immer mehr vom heimischen Markt geschluckt worden. Neue Anbaugebiete wurden im Hochland erschlossen. Weil viel Geld geflossen ist der Markt für Tee in Taiwan immer chaotischer geworden und die Nachfrage nach immer grüneren Oolongs hat sich durchgesetzt, welche bei Dauergenuss auf den Magen schlagen (genauere Gründe sind komplex und im würden den Rahmen sprengen).
In diese Lücke sind die sehr billigen und Magenfreundlichen Shous eingeführt worden. Pu ist seit dieser Zeit in Taiwan systematisch aufgebaut worden.
Wenn viel Geld vorhanden ist natürlich immer das extravagante gesucht, das was besonders ist und selten. Nachdem sich Shou zunächst durchgesetzt hatte, kamen die alten gelagerten Tees an die Reihe die zu immer höheren Preisen verkauft wurden. Da es von den alten Sachen nicht viel gab, waren das Thema bald erschöpft und man ermutigte die Kundschaft jungen Sheng zu kaufen. Und selbst zu lagern --- quasi selbst alten Tee zu produzieren.
Anfang 2000 ungefähr schwappte die Welle dann nach China rüber, die meistens Taiwan 20-30 Jahre hinterherhinken. In China war das Potential riesig, da eine immer breitere Schicht immer mehr Geld hatte und ein großes Nachholbedürfnis an Kultur und Ästhetisch schönen Dingen hatte.... Jedenfalls mit gewisser Verzögerung zu Taiwan ist der ganze Markt explodiert und 2006 dann zum ersten mal komplett eingebrochen, weil alles völlig überhitzt war.
All das ändert nichts an der Tatsache, das Pu in China bis Ende der 90 Jahre das billigste war was der Teemarkt hergegeben hat (ich sag jetzt etwas pauschal) und Pu in Taiwan Anfang der 80er Jahre systematisch von schlauen Geschäftsleuten aufgebaut worden ist.
Davor, wenn es in China um edle Tees ging, war immer von Grüntee oder Oolong die Rede. Im Norden gab es unter anderem auch sehr edle Jasmintees die sehr teuer waren. Wenn überhaupt, kann man noch sagen, dass in der Qing-Dynastie mit den Mandschus, die gewohnt waren Pu zu trinken, nun plötzlich mit dem Kaiser als ursprünglicher Nomade auch die Tees aus Yunnan mit speziellen Selektionen an den Kaisehor geschickt wurden (Gongting Pu). Letztendlich wurden die Mandschus auch immer mehr sinisiert und der Kaiser ist dann auch bei Longjing, und Jasmin hängen geblieben, mit Pu eher als Grundlage für Milchtee.....
Nach diesem kleinen historischen Abriss, den ich hier gerne zur Diskussion stelle und mich über andere Meinungen freue, möchte ich wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen:
Pu ist seit den 80ern von schlauen Taiwanesischen Geschäftsmännern mehr oder weniger bewusst aufgebaut worden. Im Laufe der Zeit ist das Potential immer mehr entdeckt worden und die Märkte und Nachfrage sind bewusst geweckt und erschlossen worden, denn Pu bringt beste Vorrausetzungen dafür mit:
- Grossblättrige Kultivare mit starkem Körper und kräftigem Aroma/Geschmack (der Hauptgrund dafür, dass Pu Lagerbar ist)
- Urteepflanze
- "Je älter desto besser" (ein Satz erst irgendwann nach den 70ern geprägt wurde und zwar mit der Entwicklung des Shou)
- Antik Tees/Antik Markt/Versteigerungen mit hohen Margen und riesen Potential für "Fakes"
Heute rückt immer mehr der Gedanke der Urteepflanze (Gushu) und Bio/Natürlichkeit in den Vordergrund, was eigentlich paradox ist, da die Teepflanze über Jahrhunderte immer mehr weg von ihrer Wildheit (aber auch Aggressivität oder Kälte) hin zu einer sehr subtilen und feinen, zarten Pflanze kultiviert wurde. Heute wird Plantagentee oft nur noch negativ mit industrieller Fertigung gleichgesetzt (was aber ein modernes Problem ist und nicht das des Plantagenanbaus ansich, den es schon seit Jahrunhundeten gibt und eine kulturelle Errungenschaft darstellt).
Deswegen ist meine Meinung, dass wenn man das Phänomen Pu heute auf Grundlage nur der letzten 30-40 Jahre verstehen will, dass mit gesundem Menschenverstand eigentlich nicht alles unter einen Hut zu bringen ist, da jede Logik aufhört zu greifen --- seien es die Preise; sei es die Philosophie; sei es eine gewisse "mystische" oder körperlich besondere Erfahrung (qi); sei es die teilweise immer weiter um sich greifende Meinung Pu sei der Gipfel der Teeerfahrung usw......
Meine Meinung heute ist, dass das was am lautesten Schreit zwar von den meisten gehört wird, aber nicht unbedingt immer das sinnvollste ist. Oft sind es die leisen, einfachen und unaufdringlichen Dinge, die letzenendes auf Dauer einen viel größeren Reiz ausstrahlen, weil sie nicht soviel Raum für sich beanspruchen (Geschmacks und Aromaflash der Pus im Gegensatz zu einem feinen subtilen Grüntee oder einem rund ausgewogenem Oolong Tee). Dadurch gewinnt der Mensch und seine persönliche Erfahrung mehr Raum und wird nicht so sehr vom Tee davongetragen.
Zuletzt kann ich persönlich den Pus natürlichen nicht einen gewissen Reiz absprechen und ich trinke sie auch hin und wieder sehr gern, aber wie ich mich schon so oft wiederholt habe, halte ich sie für völlig überbewertet.....
Und weil ich noch nicht genug geschrieben habe noch ein kleiner Nachtrag
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Die Sache mit 99% feucht gelagerten Tees werden unter Kennern bevorzugt und Chaqi..... Man darf ganz einfach nicht vergessen, dass Pu von Taiwanesen vermarktet worden ist und die zuerst die Shous und feuchtgelagerten Tees aus Hongkong überall verscherbelt haben und später dann die Preise systematisch in die Höhe getrieben haben....
Heute sieht die Realität ganz anders aus. Denn heute wird der Pu Markt und die Pu Szene von Festlandchinesen beherrscht und in China wird vornehmlich trocken gelagerter Pu bevorzugt. Ich würde sogar sagen mit fast dem entgegengesetzten Verhältnis. Heute werden überall Lagerräume geschaffen, wo die Tees relativ trocken mit konstanter Luftfeuchtigkeit gelagert werden. Was zum Bsp Taiwan angeht vor allem nicht zu feucht und gut belüftet. Ich habe solche Räume selbst besucht. Das sind gut klimatisierte Räume mit idealen Lagerbedingungen. Das hat nichts mehr mit der Feuchtlagerung zu tun wie sie die meisten alten Pus in den stickigen kleinen Lagerräumen von Hongkong abbekommen haben, die den ganzen Markt in Taiwan überschwemmten und später bewusst als Antik Tee gefaket worden sind.
(Da ich die Ursprünglche Frage von rdmn auch sehr spannend fand, habe ich dazu eben ein "kurzes" Brainstorming gemacht, was keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit haben soll. Im Gegenteil, vieles konnte ich nur sehr oberflächlich anreißen. Dennoch finde ich den historischen Kontext sehr wichtig wenn man versucht Pu heute zu verstehen. Wie ich finde eben durchaus auch sehr reizvoll, aber in jeglicher Hinsicht etwas aus den Fugen geraten)