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Tamaryokucha: Verkostung


seika

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Als ich neulich von der Arbeit nach Hause kam fand ich auf dem Kuechentisch vier Packungen Tee liegen. Auf Nachfrage, warum die da liegen, sagte meine Frau, dass meine Schwiegermutter sie mitgebracht hat. „Sie habe mitbekommen, dass ich letztens Tee gekauft haette. Und damit ich keinen mehr kaufen muss, hat sie mir eben welchen mitgebracht.“ So sieht also mein derzeitiges Kaufverbot aus.Haette auch schlimmer kommen koennen. :D



Nun zu den vier Tees: viel habe ich nicht herausfinden koennen. Nur das, was auf der Packung steht, und das ist teilweise recht wenig.



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Von links nach rechts:


  1. Sencha* (tokujō) kokorozashi steht auf der Geschenkverpackung, dazu noch der Name des Haendlers. Die eigentliche Verpackung ist komplett unbedruckt. (* ist meine Vermutung)
  2. Sencha (tokujō) takema-midori. Ausser dem Namen des Haendlers ist auch hier nichts zu finden. Takema ist eine Anbauregion im bergigen Norden Kumamotos an der Grenze zu Fukuoka und fuer seine fukamushi-sencha bekannt.
  3. Sencha tsutsumi aus Yame (Fukuoka)
  4. Tamaryokucha hinokuni kyokushi-cha. Der gold-rote Aufkleber weist ihn als hachijūhachiya-Pflueckung aus und auf dem mit dem Baeren, Kumamon genannt (das Maskottchen der Praefektur Kumamoto) steht, dass er biologisch kontrolliert angebaut wurde. Auf der Rueckseite steht ferner, dass es sich um einen bedampften Tamaryokucha handelt. Hinokuni (Land des Feuers) ist der alte Name Kumamotos. Kyokushi ist ein kleines Dorf (ca. 5000 EW), das auf der Hochebene des Vulkans Aso liegt und vornehmlich fuer seine Milchwirtschaft bekannt ist. Mehr habe ich ueber diesen Tee und dessen Herkunft nicht herausfinden koennen.

Da ich schon laenger keinen Tamaryokucha mehr getrunken habe, und dieser von den vieren am interessantesten aussah, macht er den Anfang. Die anderen drei fanden den Weg in den Tiefkuehlschrank. Gespannt bin ich schon ein wenig, was sich hinter Nummer 1 und 2 verbirgt. Aber damit muss ich mich noch ein Weilchen gedulden, denn im Moment sind noch vier andere Gruentees offen.



Fuer den Aufguss habe ich meine kleine Teekanne genommen, die ich sonst eigentlich den Oolongtees vorbehalte. Auf 5g Tee kamen 100ml Wasser, das nach zweimal Umschuetten: Schale→Teekanne→Schale und ein bisschen warten exakt 75 Grad hatte. Bei einer gemessenen Raumtemperatur von 18 Grad geht das erstanulich schnell.



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Auf dem Foto leider nicht so gut zu erkennen, die gekruemmte Form der Blaetter. Im Gegensatz zum Sencha werden die Blaetter bei der Tamaryokucha-Herstellung nicht oder nur schwach geformt. Meist wird dies erreicht, in dem der letzte Arbeitsschritt des mehrstufigen Rollverfahrens ausgelassen wird. Dadurch bleibt die runde und gekruemmte Form der Blaetter erhalten.



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Der Duft in der vorgewaermten Kanne war sehr aromatisch, erinnerte mich an eine Waldwiese, und viel weniger grasig als ich es von meinem Senchas kenne.



1. Aufguss bei 75 Grad und 60 sek.:


Der Duft ist filigran und frisch. Im Geschmack wuerde ich ihn als elegant und komplex beschreiben, mit einer leichten Adstringenz, einer ausgepraegten Suesse und auch ein bisschen Umami meine ich zu schmecken. Insgesamt eine gute Balance. Auf der Zunge ist er leicht pelzig mit einem milden Abgang.



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2. Aufguss bei 75 Grad und 20sek:


Hier lief irgendwas falsch. Hatte der erste Aufguss noch ein gelbliches Gruen, sah das aus, wie fluessiger Spinat. Im Duft hat er an Intensitaet gewonnen, ein wenig Suesse kommt durch, was vorher nicht der Fall war. Im Geschmack wuerde ich ihn als sehr herb beschreiben. Von der ausgewogenen Balance im ersten Aufguss ist nicht mehr viel uebrig.



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3. Aufguss bei 75 Grad und 50sek


Geschmacklich wieder etwas besser. Die Herbe hat etwas abgenommen, aber immer noch kein Vergleich zum ersten Aufguss.



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4. Aufguss bei 70 Grad und 10sek


Das haette ich nicht unbedingt erwartet, ein kleines Comeback. Da war sie wieder, die Suesse und Cremigkeit des ersten Aufgusses.



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Das Blattgut nach den Aufguessen.



Fazit:


Geschmacklich kommt der Tee dem Sencha, den ich aus einem nahegelegenen Anbaugebiet habe, schon sehr nahe, ist aber noch mal etwas facettenreicher. Ich bin noch etwas am raetseln, was zu der kleinen Katastrophe im 2. Aufguss gefuehrt hat. Vermutlich lag es an der Relation von Tee zu Wasser. Die Dosierung war mit 5g auf 100ml etwas hoeher, als ich sie sonst fuer Gruentees waehle. Ganz erklaeren kann ich es mir aber auch damit nicht. Vielleicht war es auch der Fluch, der auf frisch geoeffneten Packungen zu liegen scheint. Ich meine mir einzubilden schon mehrmals erlebt zu haben, dass der Tee aus frisch geoeffneten Packungen zwar sehr intensiv, aber selten gut schmeckt.



Mittlerweile habe ich den Tee mehr als ein halbes Dutzend Mal zubereitet, allerdings in meiner anderen Teekanne mit 5g auf 200ml, also der doppelten Menge Wasser. Den Geschmack des 1. Aufgusses habe ich nicht mehr erreicht, dafuer bekomme ich aber drei gute Aufguesse hin, die geschmacklich zwischen dem ersten und vierten Aufguss liegen. Alles in allem bin ich damit sehr zufrieden.



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Was sagt man dazu! :D  Glücklich kann sich der Mann schätzen, der solch einen "Schwiegertiger" abbekommt! ;)



Ein toller Verkostungsbericht, seika und wieder mal mit wunderschöner Bebilderung! Bei Dir fühle ich mich immer als ob ich direkt in Japan, an Deinem Tisch mit dabei wäre, das ist wirklich toll!



Ich bin gespannt auf Deine Berichte für die übrigen drei Tees.


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Wirklich sehr schöner (fotografisch und inhaltlich) Bericht - da ärgere ich mich ein klein wenig, keinen Tamaryokucha im Haus zu haben!



Wie wäre es damit, den Tee in Deiner 200ml Kanne zuzubereiten, aber für den ersten Aufguss die Kanne nur halb zu füllen. Dann hast Du zuerst die Konzentration wie bei Deiner ersten Sitzung mit dem Tee und dann ab dem zweiten Aufguss die mildere Konzentration.



Den "Ausbrecher" des zweiten Aufgusses könnte man ganz unterschiedlich deuten. Was mir zuerst einfiel:


Im ersten Aufguss sind die Blätter stark damit beschäftigt, sich erstmal mit Wasser vollzusaugen, bevor sie soweit sind, dass sie auch Geschmack abgeben. Im zweiten Aufguss sind die Blätter schon völlig durchfeuchtet und geben somit gleich von der ersten Sekunde Geschmack ab - der zweite Aufguss wird also intensiver. Weil Tamaryokucha weniger gerollt sind, die interne Blattstruktur also eher intakt ist als bei Sencha, dauert das Aufsaugen im ersten Aufguss vermutlich länger. Daher war bei Deiner überdosierten ersten Session im ersten Aufguss noch nicht zu merken, dass der Tee überdosiert war.


Soweit der eher nüchterne, rationale Erklärungsversuch. Eine ganz andere Erklärungsweise (die in meinen Augen esoterischer Humbug war, bis ich es erlebt habe) würde sagen, dass Du den Tee beim zweiten Aufguss der ersten Session verhunzt hast, weil Du nicht richtig bei der Sache warst und falsch das heiße Wasser aufgegossen hast. Inzwischen schmecke ich wirklich Unterschiede, ob ich das Wasser kraftvoll oder sanft, langsam oder schnell, direkt auf die Blätter oder daneben gieße. Oder bilde ich mir das nur ein. Probier doch vielleicht mal selber aus, ob das Unterschiede macht.



Jetzt bin ich gespannt, was Du über den Tsutsumi und später über den Kokorozashi schreibst.


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Was sagt man dazu! :D  Glücklich kann sich der Mann schätzen, der solch einen "Schwiegertiger" abbekommt! ;)

Ein toller Verkostungsbericht, seika und wieder mal mit wunderschöner Bebilderung! Bei Dir fühle ich mich immer als ob ich direkt in Japan, an Deinem Tisch mit dabei wäre, das ist wirklich toll!

Ich bin gespannt auf Deine Berichte für die übrigen drei Tees.

Es waechst sich langsam aber sicher zu einem echten Luxusproblem aus. Gestern gab es ungefragt Nachschub! :huh:

Wie wäre es damit, den Tee in Deiner 200ml Kanne zuzubereiten, aber für den ersten Aufguss die Kanne nur halb zu füllen. Dann hast Du zuerst die Konzentration wie bei Deiner ersten Sitzung mit dem Tee und dann ab dem zweiten Aufguss die mildere Konzentration.

Die Idee klingt gut. Werde ich demnaechst ausprobieren und berichten.

Den "Ausbrecher" des zweiten Aufgusses könnte man ganz unterschiedlich deuten. Was mir zuerst einfiel:

Im ersten Aufguss sind die Blätter stark damit beschäftigt, sich erstmal mit Wasser vollzusaugen, bevor sie soweit sind, dass sie auch Geschmack abgeben. Im zweiten Aufguss sind die Blätter schon völlig durchfeuchtet und geben somit gleich von der ersten Sekunde Geschmack ab - der zweite Aufguss wird also intensiver. Weil Tamaryokucha weniger gerollt sind, die interne Blattstruktur also eher intakt ist als bei Sencha, dauert das Aufsaugen im ersten Aufguss vermutlich länger. Daher war bei Deiner überdosierten ersten Session im ersten Aufguss noch nicht zu merken, dass der Tee überdosiert war.

Soweit der eher nüchterne, rationale Erklärungsversuch. Eine ganz andere Erklärungsweise (die in meinen Augen esoterischer Humbug war, bis ich es erlebt habe) würde sagen, dass Du den Tee beim zweiten Aufguss der ersten Session verhunzt hast, weil Du nicht richtig bei der Sache warst und falsch das heiße Wasser aufgegossen hast. Inzwischen schmecke ich wirklich Unterschiede, ob ich das Wasser kraftvoll oder sanft, langsam oder schnell, direkt auf die Blätter oder daneben gieße. Oder bilde ich mir das nur ein. Probier doch vielleicht mal selber aus, ob das Unterschiede macht.

Kann gut sein, dass der erste Aufguss bereits ueberzogen war, ich es aber nicht bemerkt habe. Deinen esoterischen Erklaerungsversuch finde ich sehr interessant und ich muss zugeben, er trifft bei mir einen wunden Punkt, insofern, als dass ich zum Abkuehlen und Einfuellen des Wassers eine Trinkschale verwendet habe. So laesst sich zwar die Wassermenge gut kalkulieren, aber das Giessen ist auch unter aesthetischen Aspekten keine Freude. An gezieltes oder langsames Giessen ist da nicht zu denken. Das ist schon seit laengerem ein Thema und eine Yuzamashi oder ein Pitcher steht ganz oben auf der Einkaufsliste. Ob und wie es sich bemerkbar auf den Geschmack auswirkt mal dahingestellt, aber das Auge trinkt ja bekanntlich auch mit. :) 

Ob es hier auch so war? Das Wasser fuer den dritten und vierten Afguss habe ich aus der Tetsubin eingegossen... Ein Gedanke, den ich auf jeden Fall weiterfuehren werde.

Jetzt bin ich gespannt, was Du über den Tsutsumi und später über den Kokorozashi schreibst.

Oder ueber einen ganz anderen. Seit gestern ist ernstzunehmende Konkurrenz im Hause. ;)

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